Gelesen: „Throne of Glass“ von Sarah J. Maas

Von einer starken Frauenfigur, die nicht funktioniert

Ich mag Fantasy, ich mag starke Frauenfiguren. Da ich mich als Autor auch gerne im phantastischen Genre bewege, hält man es auch immer für eine gute Idee, mir Lektüre aus den entsprechenden Sparten zu schenken. Das ist auch richtig so. So lese ich oftmals auch Sachen, zu denen ich selbst wahrscheinlich nicht automatisch gegriffen hätte. Solch ein Fall ist auch „Throne of Glass“ von Sarah J. Maas.

Mittelschwere Enttäuschung – Sarah J. Maas‘ „Throne of Glass“ ist nicht unbedingt der beste Fantasy-Roman.
(Foto: privat)

Den Roman hatte man mir 2013 geschenkt – und zwar in der englischen Originalausgabe. Da ich mir zum Ziel gesetzt hatte, dieses Jahr wenigstens ein Buch auch auf Englisch zu lesen kam es mir nur recht, dass ich es da auf meinem Stapel ungelesener Bücher entdeckte. Im Vorfeld hatte ich davon gehört, dass Leser besonders die Hauptfigur, die Assassinin Celaena Sardothien, lobten. Sie sei eine starke weibliche Heldin, eine Figur, wie sie die Fantasy-Literatur öfter gebrauchen könnte. Mit entsprechenden Erwartungen machte ich mich an die Lektüre. Ich sollte sehr enttäuscht werden.

Denn Celaena ist zwar eine junge Kriegerin, die beste ihrer Zunft, aber sie kann ihre Fähigkeiten in diesem Roman kaum ausspielen. Sie muss sich in einem Wettbewerb mit anderen Kämpfern messen, aber diesen Prüfungen wird im Buch nur wenig Platz eingeräumt. Nach einer vielversprechenden Einführung verliert sich der Roman darin, hauptsächlich zu schildern, wie sich Celaena mal in den Prinzen und mal in den Hauptmann der Wache zu verlieben scheint. Wem soll sie den Vorzug geben? Wem darf sie überhaupt ihre Zuneigung schenken? Natürlich geht es auch um alte Geheimnisse und ein paar Tests, aber im Kern bleibt nur dieses Liebes-Geplänkel von der Story, die im Übrigen sprachlich alles andere als anspruchsvoll gestaltet ist, übrig.

Ja, ich bin nicht die Zielgruppe dieses Romans. Und es hilft vielleicht ach nicht, dass ich gerade erst in kurzer Folge alle „Hunger Games“-Filme gesehen habe, in denen Catniss Aberdeen in einer ähnlichen emotionalen Zwickmühle zwischen zwei Love Interests steckt. Nur, dass dies dort viel besser motiviert und gelöst ist als in „Throne of Glass“ – auch schon im ersten Band der Trilogie um die Hungerspiele. Sechs Romane um die Assassinin hat die Autorin Sarah J. Maas inzwischen geschrieben. Aber da der Auftakt nicht überzeugt, werde ich wohl kaum die nächsten Bücher über ihre ach-so-toughe Heldin lesen.

Hinzu kommt, dass der Roman durch diese Soll-ich-darf-ich-ihn-lieben-Passagen sehr viel an Tempo und Spannung einbüßt. Immer wieder werden Duelle, Intrigen und alte Geheimnisse eingestreut – aber diese Dinge wären viel besser dazu geeignet gewesen, die Figur zu entwickeln, ihre Fähigkeiten zu veranschaulichen und sie daran wachsen zu lassen. Wieder muss das Beispiel „Hunger Games“ dafür herhalten. Suzanne Collins zeigt, wie man es richtig macht. Als Finale bietet „Throne of Glass“ dann ein abschließendes Duell, bei dem die Protagonistin aufgrund einer Einschränkung, die ich hier aus Spoilergründen nicht verraten möchte, gar nicht aktiv mitwirken kann. Die Erwartungen verpuffen vollständig, ebenso die ohnehin kaum vorhandene Spannung darauf, wie es denn aus- und weitergeht.

Was alles sehr schade ist, denn das Potenzial wäre da gewesen, aus dem Setting und der Figurenkonstellation etwas Großartiges zu machen. Mag sein, dass es in den späteren Romanen gelingt. Nur bin ich da nicht mehr als Leser mit dabei.

 

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Gelesen: „Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“ von Ron McLarty

Ein All-American-Road Movie-Roman auf dem Rad

Es gibt Bücher, mit denen ist man schon durch eine Geschichte verbunden, bevor man sie überhaupt gelesen hat. „Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“, ein Roman von Ron McLarty, ist für mich so ein Buch. Ich trug jahrelang – und über drei Ümzüge hinweg – einen kleinen Schnipsel in meiner Zettelsammlung herum, der auf dieses Buch hinwies. Den Ausriss hatte ich einst aus einer Art Gemeindebrief herausgetrennt, der mir noch während meiner Studienzeit in Bielefeld ins Haus flatterte. Das muss so um das Erscheinungsjahr des Buches in Deutschland gewesen sein – also 2006. Die Geschichte eines Mannes, der sich nach dem Verlust seiner Familie einfach auf ein Rad schwingt und quer durch die USA fährt, sprach mich als Road Movie-Fan an. Ebenso, dass einer meiner Lieblingsautoren, Stephen King, offenbar für den Roman schwärmte.

„Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“ von Ron McLarty.
(c) Goldmann Verlag/Random House

Das Jahr 2018: Der Schnipsel ist inzwischen verschwunden, das Buch aber nicht vergessen. Es dämmerte auf meiner Lesewunschliste, inzwischen digital, vor sich hin und wartete, endlich dran zu sein. Ich besorgte mir das Buch als „Beifang“ zu einer Bestellung in einem Online-Antiquariat und begann zu lesen. Und mein Gefühl behielt Recht: das ist ein Roman für mich.

Smithy Ide ist 43 Jahre alt und arbeitet in einer Spielzeugfabrik, wo er kontrolliert, ob die Gliedmaße einer Actionfigur auch richtig an den Korpus angebracht wurden. Er hat keine Freunde, trinkt literweise Bier und isst gerne überbackene Brezeln. 279 Pfund bringt er auf die Waage, doch das stört ihn nicht. Einmal im Jahr fährt er mit seinen Eltern in den Urlaub an einen See, gemietetes Häuschen, ein bisschen Angeln, alles schön. Auf der Rückfahrt von einem dieser Urlaube verunglücken Smithys Eltern tödlich. Wie betäubt lässt er die Trauerfeier und die Beerdigung über sich ergehen. Als er die Post seiner Eltern durchsieht, fällt ihm ein Brief aus Kalifornien in die Hände, in dem steht, dass man Smithys Schwester Bethany tot aufgefunden habe. Sie lebte als Obdachlose an der Westküste, weit von Rhode Island entfernt.

In der Erinnerung an seine Schwester, die aufgrund einer psychischen Störung phasenweise eine Stimme hörte, die sie zum Verharren in bizarren Posen, zum Sprung von einer Brücke und wiederholten Fluchten von Zuhause zwang, taucht Smithy immer wieder in Gedanken in die Vergangenheit ab. Er erinnert sich, dass er früher dünn und sportlich war, gern angelte und vor allen Dingen stundenlang mit seinem Raleigh-Fahrrad durch die Gegend fuhr. Dieses Rad steht noch in der Garage seiner Eltern. Ohne darüber nachzudenken fährt der dicke Smithy los. Sein Ziel: Los Angeles, wo die Leiche seiner Schwester darauf wartet, was mit ihr geschehen soll.

Der Roman von Ron McLarty heißt im Original „The Memory of Running“ und fasst viel besser zusammen, worum es geht. Es geht um das Weglaufen vor Schmerz und Trauer, von verpassten Chancen und der Verantwortung für sich selbst. Auf seiner Reise quer durchs Land begegnet Smithy immer wieder anderen Menschen, die ebenfalls schwere Zeiten durchmachen. Durch seine sehr naive Art wirkt er ein bisschen wie Forrest Gump, sein fehlendes Selbstbewusstsein führt dazu, dass er in argwöhnischen Zeitgenossen sogar Feindseligkeit hervorruft. Dabei ist er eigentlich nur teilnahmslos oder möchte zuvorkommend sein.

Der Roman ist ein einem gefälligen, leicht emotionalen Ton geschrieben, macht große Bilder und schöne Charakterporträts auf, und King-Leser verstehen auf Anhieb, warum dem Meister der Text gefällt. Viele Erzählkniffe, die hier zur Anwendung kommen, sind ihm ebenfalls eigen. Dass Smithy im Vietnamkrieg gedient hat, dabei gar nicht aktiv kämpfte und trotzdem von Kugeln durchsiebt wurde, trägt noch weiter zum „All American Novel“-Gefühl bei, das Ron McLarty hier evoziert. Der Roman sollte ursprünglich nur als Hörbuchfassung erscheinen, was man anhand der übersichtlichen Kapitel durchaus positiv bemerkt.

Episoden des radelnden Smithy wechseln sich mit Episoden aus seiner Vergangenheit ab, die sich vor allem um seine Schwester und deren unfassbare Krankheit drehen. Die Familie hat nie gelernt damit umzugehen, kümmert sich zwar herzlich, aber hilflos um die junge Frau, bis diese der Stimme vollends verfällt und aus ihrem bisherigen Leben ausbricht. Während Smithys Pfunde schmelzen, weil er Dutzende Meilen am Tag fährt und sich nur von Wasser und Bananen ernährt, verarbeitet er erst die schmerzhaften Momente seines Lebens. Das ist melancholisch und anrührend, hart an der Grenze zum Kitsch, aber gerade noch so, dass man seufzen möchte: „Hach, schön!“

Alles in allem ist der Roman zwar etwas generisch, macht dabei aber wirklich alles richtig. Timing, Stil und emotionale Ansprache erzeugen einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Dass das alles vermutlich am Reißbrett entstanden ist und auf eben jenen Effekt geschrieben ist, vergisst man dabei leicht. Und lässt sich mit Smithy auf dem Rad durchs Land tragen, Landschaften und Charaktere erleben, staunen und grübeln. Hach, schön!

„Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“ ist in der deutschen Fassung derzeit nur noch antiquarisch erhältlich und gibt es leider nicht einmal als Ebook.

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Gelesen: „Hikikomori“ von Kevin Kuhn

Von jemandem, der auszog, indem er sich einschloss

Wie so oft bei Büchern, die nicht zwangläufig in meiner Filterblase auftauchen, weil ich mich mit ihren Themen sowieso irgendwie beschäftige, erfuhr ich von Kevin Kuhns Debütroman „Hikikomori“ in einer Besprechung bei Deutschlandfunk Kultur. Das Thema des Romans sprach mich sofort an. Es geht um einen jungen Mann, der sich zunächst tage-, dann wochen- und später monatelang nicht mehr aus seinem Zimmer hinaus bewegt, schließlich sogar die Tür abschließt und die Fenster zuklebt, und zwar, um sich selbst zu finden. Das klingt nach „Coming of age“-Text und ist es auch. Dennoch bietet „Hikikomori“ sehr viel mehr als das. Aber nur, wenn man Zugang zu dem Roman findet – was, zugegebenermaßen, nicht einfach ist.

Kevin Kuhn – Hikikomori
(c) Berlin Verlag, 2012

Der sperrige Titel liefert gleich die Definition für das Phänomen, auf das hier Bezug genommen wird. Wikipedia weiß: „Als Hikikomori (jap. „sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug“) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. Der Begriff bezieht sich sowohl auf das soziologische Phänomen als auch auf die Betroffenen selbst, bei denen die Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können.“ Beschrieben wurde das Phänomen laut Wikipedia erstmals 1998 – was wenig verwunderlich ist, denn einher mit der gesellschaftlichen Isolation geht oft auch das Aufgehen in einer virtuellen Existenz, eines zweiten Lebens im Internet. 1998 konnte man da mit einer ISDN-Leitung schon ein bisschen was reißen. Sowieso lohnt sich der oben verlinkte Definitionsartikel, um sich einen groben Überblick zu verschaffen, worüber hier geredet wird.

Till Tegetmeyer steht kurz davor, die Waldorfschule abzuschließen, als er erfährt, dass er nicht zum Abitur zugelassen wird. In der Unsicherheit, ob das für ihn und seine Familie überhaupt ein Problem darstellt, fasst er einen folgenschweren Entschluss. Während andere in Bälde Studieren gehen – oder wie sein bester Kumpel Jan zu einem Work-and-Travel-Selbstfindungstrip aufbrechen -, wird er, eh ein eher stiller und nachdenklicher Zeitgenosse, versuchen, sich selbst durch ein Experiment in den heimischen Vier Wänden zu einem Charakter zu formen. Er wirft sämtliche Möbel und Gegenstände aus seinem Zimmer, behält nur eine Matratze und seinen Schreibtisch mit dem Desktop-Computer zurück – seine Verbindung zur Außenwelt. Zunächst verlässt er sein Zimmer noch sporadisch, und zwar immer dann, wenn er den Kontakt zu seiner Familie vermeiden kann – nachts, oder wenn niemand in der Wohnung ist. Dann versorgt er sich mit Nahrung und kümmert sich um seine Körperhygiene. Als er merkt, dass auch das ihn zunehmend anstrengt und es auch anders geht, reduziert er die Kommunikation auf Briefe an seine Mutter, die er unter der Tür hindurch schiebt und in denen er Essens- und andere Wünsche formuliert. Die Mutter, ihren Sohn liebend, erfüllt die Aufgaben gern.

An dieser Stelle muss ich über die Familie ein paar Worte verlieren. Sie allein ist schon Grund genug, sich in seinem Zimmer zu verkriechen, so sehr mit Klischees angereichert ist sie. Der Vater Oskar ist plastischer Schönheitschirurg, der Globuli für den Gipfel medizinischer Behandlungskunst hält, Sport vergöttert und das Golfspielen mehr liebt als seine Frau. Er hält Tills Anwandlung für ein probates Mittel der Mannwerdung, versteht aber nicht, wie diese Sache sich irgendwann verselbstständigt und nicht mehr in sein Konzept von Charakterformung passt. Mutter Karola betreibt einen SchauRaum, in dem sie thematisch geordnet Einrichtungsgegenstände zusammenstellt und diese an interessierte Kunden weiterverkauft, eine Art intuitive Raumgestalterin und ein bildungsbürgerliches Windei par excellence. Schwester Anna-Marie, nur wenig jünger, kokettiert mit ihrer Teenie-Jugend und piesackt den Bruder, sonst ist sie ganz der geltungssüchtige unfertige Mensch, der sie in dem Alter noch sein darf. In dieser Gesellschaft, die zu allem eine Meinung hat und für die alles irgendwie Sinn ergibt und „Okay“ ist, muss Till einen Weg finden, herauszubekommen, wer er ist und sein will. Gerne nimmt man ihm ab, dass er allein schon durch diese Lebenssituation am Rande des Zusammenbruchs stehen müsste, was er allerdings aktiv gar nicht hinterfragt. So schildert ihn der Autor nicht.

Till verbringt Tage damit, das Licht durch sein leeres Zimmer wandern zu sehen. Die Wände hat er mit schwarzem Filzstift beschriftet, dort, wo einst Möbel standen, um sie in Umrissen zu simulieren. Er spielt den ganzen Tag den Weltkriegs-Shooter Call of Duty im Multiplayer, sucht sich dort ehemalige und neue Online-Freunde zusammen. Als er bemerkt, dass ein Nachbar von gegenüber ihn mit einer Webcam filmt und den Stream ins Netz stellt, reduziert er seine und die Wahrnehmung der Zuschauer noch weiter, indem er das Fenster mit Textilklebeband vollständig abklebt. Er verlässt den Raum nun nicht mehr, wäscht sich mit einem feuchten Waschlappen, bekommt Mutters Essen und Zigaretten vor die Tür gelegt, die Wäsche wird gewaschen, die Ausscheidungen gesammelt und weggekippt.

Die Isolation verändert Till, so wie er es ja eigentlich wollte. Er verliert sich manchmal im Dunkel des Raumes, in dem oft nur der Monitor Licht spendet. Er spürt Erinnerungen nach, die er hier gemacht hat, versucht, andere Zeitpunkte des Seins in seinem Zimmer wieder heraufzubeschwören, beispielsweise einen Abend mit seiner Freundin Kim, deren zarte Zuneigung von beiderseitiger Unsicherheit geprägt ist, Till aber wahnsinnig kostbar erscheint. Doch diese Eindrücke verblassen. Neue Reize besorgt er sich durch ein exotisches Tier, das er sich im Internet bestellt: einen grünen Leguan, der ihm fortan in seiner Selbstfindungshöhle Gesellschaft leistet. Dabei bleibt das Tier auch Tier und wird nicht zum Menschersatz. Eine externe Biomasse, eine Rückversicherung, dass es Leben gibt, das schweigsam und genügsam ist, so wie Till selbst.

Wochen und Monate vergehen. Vollends in seiner eigenen Welt verschwindet Till dann, als er das Spiel Minecraft entdeckt. In dem Spiel von 2009 erbaut man seine eigene Welt aus einem Bauklötze-System, das Spiel ist hochadaptiv, man kann dort fast alles nachbauen und simulieren. Till entwirft mit der Welt 0 ein Idealbild, ein Utopia, in dem er als Schöpfer agiert und in das seine Online-Freunde nach und nach einziehen. Dort findet er einen besten Freund, eine Freundin und bildet dort sogar die Beziehungen nach, die er zu Kim und Jan führte, als er begann, sich zurückzuziehen. Er findet in ein virtuelles Leben, das von Zufriedenheit geprägt ist, aber keine Störungen von außen zulässt. Als es Winter wird und die Heizung im Zimmer nicht mehr funktioniert, die Familie ihn aufgibt und ihm nicht mehr hilft, wird jeder Außenreiz zum Störfaktor. Als ihm dann, nach Monaten der Isolation, der Strom abgestellt wird, bricht erneut eine Welt zusammen…

Viele Rezensionen des Buches, das 2012 im Berlin Verlag erschien, sprechen von einer sperrigen Ausdrucksweise des Autors, einer distanzierten Sicht auf seinen Protagonisten, den wir durch viele Beschreibungen seiner Tagesroutinen in seiner Isolation kennen lernen. Das empfinde ich gar nicht so. Ich fand es höchst interessant, welche Gedanken Till hat, als er sich nur auf sich selbst zurückgeworfen mit sich beschäftigen muss. Erinnerungen und Imaginationen bilden fortan den Hintergrund seines Nachdenkens, das Versenken in Augenblicke, das Wahrnehmen des Augenblicks an sich, der Verlust des Zeitgefühls. Jeder, der schon einmal die Nächte durchgezockt hat, kennt dieses Gefühl, völlig leer, aber total aufgekratzt um 7 Uhr morgens die Vorhänge aufzuziehen und sich zu fragen, wo die Nacht geblieben ist. Einsamkeit kann sehr befreiend sein. Sich um nichts anderes als sich selbst kümmern zu müssen, ebenfalls. Solche Phasen können tatsächlich einen Charakter definieren, ihn formen, ihn an sich selbst wachsen lassen.

Grundsätzlich ist Tills Idee – und die Idee des „Hikikomori“ – deswegen auch gar nicht so verkehrt, wie ich finde. Menschen, die immer andere Menschen um sich haben müssen, die nicht allein sein können und deswegen nicht die Zeit finden, über sich und ihre Situation nachzudenken, sind mir persönlich im besten Fall suspekt, im schlimmsten Fall hochgradig unsympathisch. Doch genauso wichtig ist der Abgleich mit anderen, das Verorten der empfundenen Realität mit der der anderen, die man kennt und liebt. Dieser Vorgang ist zwar ein sozialer, im Endeffekt aber doch wieder einer der Abgrenzung, der Isolation. Erfahrungen sind Erfahrungen – seien sie nun virtuell oder echt. Es kann einem genauso viel geben, per VR-Brille am Strand einer Südseeinsel entlang zu gehen, als wirklich dort zu sein. Das eigene Empfinden ist so vielfältig wie der Mensch.

Was mich an Kevin Kuhns Roman so gefesselt und bewegt hat, ist, wie oft ich mich der Figur Till nahe gefühlt habe. Der Autor ist 1981 geboren, so wie ich, und hat wohl zumindest ähnliche Erfahrungen gemacht, wie ich es tat. Wer Call of Duty nicht kennt und gespielt hat, dem fehlt etwas in der Art der Rezeption, die dieser Text anbietet und vielleicht auch braucht. Minecraft spielte ich nie, bin aber mit dem Konzept des Spiels vertraut und konnte den entsprechenden Passagen im letzten Drittel des nur 221 Seiten kurzen Romans gut folgen. Und ich finde, er zeigt in seiner reduzierten Form gut auf, woran viele junge Menschen in unserer Gesellschaft gerade scheitern. Das Überangebot an Möglichkeiten, sich zu entfalten und die Erwartung, dass dies auch zu geschehen habe, sorgt für eine permanente Überforderung. Damit sind nicht nur (interaktive) Medien und Social Media gemeint, aber natürlich auch. „Du kannst alles sein!“ ist oft keine Freiheit, sondern der implizite Befehl „Du musst etwas sein! Entscheide dich!“ Wer keine Filter für die Reduzierung der Komplexität des Alltags entwickeln kann, strauchelt zwangsläufig. Ich kenne keinen in meiner Generation, dem es nicht einmal so gegangen wäre und gelegentlich noch immer so geht. „Hikikomori“ ist damit eine sehr kluge Beobachtung, exemplarisch und doch entschieden individuell, ein Zeit- und Generationenporträt einer gewissen gesellschaftlichen Gruppe – „Schicht“ passt hier nicht – und macht den Text zu einer manchmal schwer zu ertragenden Lektüre. Mit all dem hat das Buch meine Erwartungen voll erfüllt. Ich bin nachhaltig beeindruckt.

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Gelesen: „Betoninsel“ von J.G. Ballard

Gefangen im Verkehrsmeer

Wer sich vielleicht gefragt hat, wo ich mir Inspirationen hole für Bücher, die auf meine Amazon-Wunschliste kommen sollen, dem sei gesagt, dass ich täglich Deutschlandfunk Kultur als Podcast höre – und zwar die wunderbare Sendung „Lesart“, die so ziemlich alles bietet, was man als breit interessierter Literatur-Mensch wissen möchte. Die Sendung ist für mich ein Quell von immer wieder ganz unterschiedlichen Entdeckungen. Eine davon ist der Roman „Betoninsel“ von J.G. Ballard, der aktuell – zusammen mit anderen Romanen des Autors – im Diaphanes Verlag wiedererschienen ist.

J.G. Ballard – Betoninsel
(c) Diaphanes Verlag

Im Original heißt das Ding „Concrete Island“ und erschien bereits 1974. Diaphanes greift auf eine Textfassung zurück, die 1992 im Suhrkamp Verlag erschien und für die Neuausgabe revidiert, also sprachlich behutsam angepasst wurde. Laut Amazon erschien bereits 1981 eine deutsche Ausgabe in der Reihe Heyne Science Fiction. (An dieser Stelle vielen Dank an denjenigen, der mir das Buch zum Geburtstag geschenkt hat.)

Der Autor James Graham Ballard sagte mir nichts, obwohl er scheinbar eine Art Klassiker der Science Fiction-Literatur sein soll. Sein Roman „High Rise“ wurde im letzten Jahr verfilmt, den Titel hatte ich am Rande mitbekommen, aber mehr auch nicht (schon gar nicht, dass der Streifen auf einer Vorlage des Autors beruht).

Die Besprechung im Radio klang aber interessant. Nun, was jemand, der manchmal einen von anderen Menschen als seltsam titulierten Geschmack hat, halt interessant findet. Der Einfachheit und der schönen Zusammenfassung wegen, hier der Klappentext:

Auf seinem Heimweg von der Arbeit kommt Robert Maitland, ein 35-jähriger Architekt, mit seinem Jaguar von der Fahrbahn ab, durchbricht eine Leitplanke und wird auf eine Verkehrsinsel geschleudert. Als er verletzt wieder zu sich kommt, versucht er vergeblich Hilfe zu holen und die Fahrbahn oberhalb der Böschung mit ihrem rasenden Verkehrsstrom zu überqueren. Gefangen im verwilderten Niemandsland eines gigantischen Autobahnkreuzes muss er mit dem wenigen, was sich in seinem Wagen befindet, auskommen. Nach Überwindung von Schock und Apathie nimmt er den Kampf um sein Überleben auf, beginnt sich einzurichten und seinen Lebensraum auszukundschaften, bis er nach einer gewissen Zeit plötzlich bemerkt, dass er in der Zone nicht alleine ist…

Das fand ich als Ausgangssituation für einen Roman schon einmal klasse. Ich fragte mich, was er auf diesem begrenzten Stück Land wohl finden mag – und wieso es ihm nicht gelingen sollte, von dort irgendwie zu fliehen. Ich erwartete also so etwas wie eine Robinsonade im modernen Gewand. Nun, so ganz falsch lag ich damit nicht, auch wenn mich die Lektüre besonders in der zweiten Hälfte des Romans ganz schön zu überraschen wusste.

Geschickt löst Ballard das Problem, warum Maitland die Flucht nicht gelingt: Er wird beim Unfall schwer verletzt und beim ersten Fluchtversuch von der Betoninsel noch einmal angefahren. Danach ist es erst einmal Essig mit dem Bewegen. Soll heißen: Ja, auch wenn die Betoninsel, tief zwischen den Fahrbahnen liegend, Böschungen hat, die man erklettern kann, kommt er da nicht so einfach raus. Zwar versucht er alles Mögliche, um auf sich aufmerksam zu machen – u.a. versucht er, seinen Wagen abzufackeln – aber er scheitert immer wieder. Was zum großen Teil auch daran liegt, dass die Menschen in ihren Autos ihn gar nicht wahrnehmen – oder wahrnehmen wollen.

Und da wurde mir sehr schnell klar, das Ballard hier ganz bewusst eine kafkaeske Stimmung aufbaut, die mich frappierend an meine erste Lektüre von „Die Verwandlung“ erinnerte. Mit derselben Faszination, mit der ich damals in der Oberstufe las, wie Gregor Samsa sich in einen Käfer verwandelte, aber sich kaum fragte, warum eigentlich, las ich jetzt von Maitland, der unverschuldet von seiner Umwelt nicht mehr wahrgenommen wird – quasi ein Geist. Diese Idee kam mir zwischenzeitlich auch: Was, wenn Maitland beim Unfall gestorben ist und nur noch da so rumgeistert? Aber das würde dann nicht mit den physischen Schmerzen und den Verletzungen passen. Obwohl, da haben uns gewisse TV-Serien der 2000er auch was ganz anderes gelehrt. Egal, kleiner Spoiler: Maitland ist nicht tot.

Es verlangt jedoch viel Einlassungsvermögen vom Leser wirklich zu glauben, dass er, wenn er nicht alles daran setzte und sein Leben davon abhinge, er nicht Mittel und Wege fände, von der Insel zu fliehen. Bis einem dämmert – vielleicht will Maitland das auch gar nicht. Nicht äußerlich – aber innerlich. Schließlich erwartet ihn ein Job, der ihn so richtig befriedigt. Das tut seine Frau auch nicht, deswegen hat er eine Affäre. Beide Frauen wähnen ihn – voneinander ahnend – bei der jeweils anderen bzw. bei Terminen, weswegen niemand nach ihm sucht. Da das Ganze im Jahr 1973 spielt, hat auch niemand ein Handy dabei oder kann eine GPS-Ortung des Wagens vornehmen. „Betoninsel“ funktioniert deswegen auch nur in diesem historischen Kontext.

Als Maitland  schließlich nach etwa einem Drittel des nur 174 Seiten langen Romans bemerkt, dass er auf der „Insel“ nicht allein ist, bekommt der Roman eine krasse Wendung. Danach geht es nur noch nebensächlich mitschwingend ums Entkommen, sondern um Macht, Bedürfnisse und gesellschaftliche Konventionen. Ballard stellt seinem Protagonisten einen geistig behinderten ehemaligen Trapezkünstler und eine zwischen Ausreißer-Hippietum und Proto-Punk changierende Prostituierte zur Seite, die mit dem vom Entzündungsfieber fast wahnhaften Architekten ihre Spielchen treiben, um ihn aus ganz eigennützigen Gründen auf der Insel zu halten. Bis Maitland beschließt, den Spieß umzudrehen und dabei auch zu drastischen Mitteln greift.

In diesem Abschnitt dreht „Betoninsel“ erst richtig auf. Hier gibt’s Gesellschaftskritik in schönen kleinen Batzen verabreicht, fast sublim in ihrer Offensichtlichkeit. Bildung und Reichtum als Faktor, um Menschen gegeneinander auszuspielen, Hass gegen das Establishment, garniert mit sozialer Kälte und Unvermögen, jemandem etwas zu gönnen – das sind zeitlose Themen, die darin mitschwingen, die aber die Handlung an sich nur wenig vorantreiben. Ballard sagt „So ist es“ und wir müssen das so akzeptieren. Trotzdem will man als Leser den Figuren ständig zuschreien, warum sie sich so abwegig gebärden und ist fast empört, wie Ballard seinen Roman erzählt ohne sich zu fragen: „Will das der Leser auch so?“

Wikipedia meinte dazu: „In den 1970er Jahren suchte Ballard die Katastrophe in lokal begrenzten, urbanen Szenarien (…) Seine letzten Romane variierten das Thema der übersättigten Konsumgesellschaft, die in individuellen oder kollektiven Gewaltakten versucht, ihrer Starre zu entfliehen.“ Das trifft auf „Betoninsel“ auf jeden Fall zu.

Dieser Mangel an Gefälligkeitswillen ist bewundernswert, aber eben auch nur 174 Seiten lang aushaltbar. Über das Ende – ob es überhaupt eins gibt – will ich an dieser Stelle nichts weiter sagen. Ein bisschen Mysterium soll ja auch noch bleiben, falls jemand sich ob dieser Zeilen dazu inspiriert sieht, sich den Roman für 15 Euro als Taschenbuch selbst zu besorgen. Es lohnt, weil es fordert. Weil es dann doch Spaß macht, diese Schichten des Textes und seine Bedeutungshorizonte für sich selbst freizulegen.

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Kurd-Laßwitz-Preis 2018 – Ein Plädoyer fürs Mitmachen!

Ich weiß gar nicht, wie lange ich schon auf der Liste der über 200 Personen bin, die mehrfach im Bereich „Science Fiction“ veröffentlicht haben bzw. als Fachjournalist gelten und deswegen berechtigt sind, an der Abstimmung zum renommierten Kurd-Laßwitz-Preis teilzunehmen.

Wer den Preis nicht kennen sollte, dem hilft Wikipedia weiter:

„Der Kurd-Laßwitz-Preis ist ein undotierter Preis, der jährlich von Autoren, Übersetzern, Herausgebern, Verlegern, Lektoren, Graphikern und Fachjournalisten der deutschsprachigen Science-Fiction vergeben wird. Mit Hilfe des Kurd-Laßwitz-Preises werden herausragende Leistungen vor allem im Bereich der deutschsprachigen Science-Fiction geehrt, um damit die Preisträger und die deutschsprachige Science-Fiction zu unterstützen. Der Preis wurde 1980 nach dem Vorbild des amerikanischen Nebula Award ins Leben gerufen und nach dem deutschen Science-Fiction-Autor Kurd Laßwitz benannt. Ausgezeichnet wird jährlich die beste Produktion des Vorjahres.“

Das Ding ist also echt keine kleine Nummer für die deutsche SF-Szene. Da ich selbst in den letzten Jahren nur unregelmäßig an der Abstimmung teilgenommen habe, möchte ich jetzt diejenigen, die heute mit mir die Wahlunterlagen per Mail erhalten haben, bitten, sich einfach die fünf Minuten Zeit zu nehmen und die Wahlzettel auszufüllen. Es ist schon ein kleines Privileg, über diesen tollen Preis mit abstimmen zu können. Das muss man sich – und musste ich mir – mal wieder ins Gedächtnis rufen.

Zudem kenne ich in diesem Jahr viele der Nominierungen, auch das war nicht immer so, z.B. die tollen LUNA-Romane von Ian McDonald oder den unfassbar großartigen Roman BORNE von Jeff VanderMeer (meine Rezension dazu findet ihr hier beim „Geisterspiegel“.)

Ich schreibe das hier nicht, weil ich selbst nominiert wäre, sondern weil ich mir wünsche, dass der Preis wieder eine höhere Aufmerksamkeit bekommt. Schließlich geht es um eines der schönsten und kreativsten Genres der Weltliteratur. Mein Stimmzettel für dieses Mal ist jedenfalls schon unterwegs zurück … Wenn ihr also dabei seid, macht doch bitte ebenfalls mit. Auch Udo Klotz, der Treuhänder der Preises, wird es euch sicher danken.

(Dieser Text enthält Affiliate-Links zu http://www.amazon.de)

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+++ 10 Jahre Profi-Autor – Meine Dankesrede zum Jubiläum +++

JUBILÄUM! – Am 11. März 2008 erschien mein erster Heftroman bei Bastei-Lübbe. Heute jährt sich das Datum – zum zehnten Mal. Seit einer ganzen Dekade bin ich nun als professioneller – d.h. bezahlter – Romanautor unterwegs. Lange Zeit war dies mein Nebenberuf, neben dem Studium, eine Zeitlang mein schöner, aber auch harter Haupterwerb, seit fast zwei Jahren wieder ein Nebenverdienst, ein „gut bezahltes Hobby“, wie es oft an anderer Stelle bei anderen Kollegen heißt. – Heute schaue ich auf über 50 veröffentlichte Romane zurück, auf zwei tolle Serien, für die ich tätig war und tätig bin, und auf eine eigene große Romanserie – „Eon“ – die ich mit Band 6 zu einem für mich überaus befriedigenden Ende gebracht habe. Es gibt viele Leute, bei denen ich mich für die Unterstützung in den letzten zehn Jahren bedanken möchte und muss:

1.) Ich danke meinen Freunden, (Ex-)Partnerinnen und meiner Familie für die Geduld und das Verständnis, wenn ich mal wieder tage- und wochenlang mit dem Kopf in einem Roman stecke, kaum für etwa anderes ansprechbar bin und stundenlang tippend in meinem Kämmerlein verschwinde.

2.) Ich danke Susanne Picard, dafür, dass sie mir Ende 2007 die Chance eröffnete mit STERNENFAUST Band 81 „Der Hohe Rat“ meinen ersten eigenen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen. Das war der Einstieg in meine Autorenkarriere, auf die ich lange – durch ein Praktikum bei Bastei mit anschließender Außenlektorstätigkeit, durch unzählige Rezensionen und Artikel zu Romanheften und mein Fan-Engagement – hingearbeitet hatte. Mit 26 Jahren war ich, glaube ich, jenseits der 2000er übrigens einer der jüngsten Autoren, die seinerzeit für Bastei schreiben durften.

Highlights meiner bisherigen Karriere als Autor: Meine ersten Hefte und Hardcover für MADDRAX und STERNENFAUST.
(Foto: privat)

3.) Ich danke – natürlich – Michael Schönenbröcher, für MADDRAX, meinen Einstieg in die Heftromanwelt im Jahr 2000, für sein Vertrauen und seine Unterstützung in den letzten 18 Jahren. Als ich noch „nur“ Fan war, war er immer für mich ansprechbar, er hat mir damals das Praktikum bei Bastei Lübbe ermöglicht. Mike macht aus meinen Romanen immer das Beste, seine redaktionelle Arbeit und seine Lektorate gehen weit über das Nötige hinaus. Seine Leidenschaft für das Romanheft-Format hat mich stets inspiriert. Ich habe viel von ihm gelernt – und lerne noch. Gäbe es ihn nicht, wäre ich heute nicht der Autor, der ich bin.

4.) Ich danke Holger Kappel, dafür, dass er mir nach seinem Fortgang von Bastei die Redaktion von STERNENFAUST zutraute, obwohl ich nur Fan war und erst wenige Wochen Erfahrung durch mein Praktikum, das ich auch bei ihm machte, gesammelt hatte. Etwa ein Jahr lang lernte ich, ins kalte Wasser geworfen, wie man ein Serienexposé und ausführliche Exposés für Romane zusammen mit Autoren erstellt, Leserseiten betreut, Vorschauen schreibt, Romane einplant, Cover-Konzepte in Auftrag gibt und sie mit Malern in die Tat umsetzt (z.B. mit dem wunderbaren Arndt Drechsler!) – und das alles, bevor ich überhaupt selbst einmal einen Roman geschrieben hatte!

5.) Ich danke meinen vielen Kolleginnen und Kollegen für den direkten oder indirekten Rückhalt, wenn mal nicht alles so lief, wie geplant. Ihr habt stets ausgeholfen, wenn ich euch um etwas gebeten habe, ich Unterstützung bei einem Text brauchte oder nicht weiterkam. Unsere kleine Szene ist eine tolle Community mit wenig Missgunst und vielen Freundschaften, von der man gerne ein Teil ist. Egal, ob bei Frotzeleien in den Sozialen Netzwerken oder beim Gequatsche auf Conventions. Wir Heftchen-Leute sind schon ein cooler Haufen. Danke, dass ich dazugehören darf!

6.) Und natürlich danke ich den Lesern, den lauten und den leisen, meiner Romane. Eure Kritik erreicht mich, ebenso wie euer Lob. Nicht immer hat euch alles gefallen, was ich geschrieben habe, aber das ist auch gut so. Ich habe aber durchaus das Gefühl, der Großteil von euch mag, was ich so tue. Es tut sehr gut zu hören, wenn ihr meine Romane gerne lest, und es schmerzt nur wenig, wenn die Kritik berechtigt ist.

Heute feiere ich dieses Jubiläum – einmal still für mich, mit der Freude, dass ich es durchgezogen habe und heute immer noch schreibe – und einmal öffentlich, mit diesem Blogeintrag. Viele ältere Kollegen mögen denken, „Pah – 10 Jahre! Das ist noch gar nichts!“ – Vielleicht denke ich in noch einmal 10 oder 20 Jahren auch so. Im Moment fühlt sich das aber wie eine große Leistung an, vor allem, wenn man sich daran erinnert, wie es war, zu denken, dass man es als Autor wohl nie schaffen würde. Ich brauche übrigens keinen Bestseller, um mich glücklich zu fühlen – Zu wissen, dass die Gesamtauflage meiner Romane in die Hunderttausende geht, reicht da völlig aus. 😉 Also, langer Blogpost, kurzer Sinn: DANKE!

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Gelesen: Andreas Brandhorst – Das Schiff

Keine leichte Kost: Maschinen, Unsterblichkeit und Geistreisen

Eigentlich mache ich so etwas ja höchst ungern: ein Buch besprechen, das ich gar nicht komplett gelesen, sondern nur zu einem Teil geschafft habe. Vor etwas mehr als zwei Jahren, im Dezember 2015, sollte ich für das VIRUS-Magazin den damals aktuellen Science Fiction-Roman des deutschen Autors Andreas Brandhorst rezensieren, hatte für die 550 Seiten-Schwarte aber nicht ausreichend Zeit und musste mich mit dem ersten Drittel begnügen. Ich wollte das Buch aber gerne zu Ende lesen, und so ruhte es die ganze Zeit mahnend auf meinen Stapel noch fertig zu lesender Bücher (SNFZLB), bis ich es in der vergangenen Woche wieder zur Hand nahm, um es endlich anzugehen. Vor wenigen Minuten bin ich fertig geworden. Mal sehen, was ich in meiner Rezension damals schrieb und ob ich es in der Nachbetrachtung noch genauso formulieren würde…

In einer fernen Zukunft haben intelligente Maschinen die Vorherrschaft über die Erde übernommen. Sie regeln den Alltag in vermeintlicher Koexistenz mit den Menschen und expandieren in den Weltraum. Nach verheerenden Klimakatastrophen und Kriegen sind nur noch 4 Millionen Menschen übrig geblieben, diese werden von den Maschinen zu ihrem 30. Geburtstag mit einem Altersstopp versehen, sind also fortan unsterblich. Bei einem geringen Prozentsatz klappt dies allerdings nicht. Diese normal alternden Menschen werden zu so genannten „Mindtalkern“, deren Bewusstsein mittels überlichtschneller Signale zu Avatarkörpern auf fremden Planeten geschickt werden kann. Denn eines können die Maschinen nicht: Kreativ denken und darauf gründend Entscheidungen treffen. Als man in den Tiefen des Alls Überreste einer fremden Spezies findet, die vor dem „Weltenbrand“ über ein Transportnetz über weite Strecken verfügte, werden Prozesse in Gang gesetzt, in die Adam, ein 92-jähriger „Mindtalker“, immer mehr verstrickt wird. Gleichzeitig regt sich Widerstand gegen die Maschinen auf der Erde, und auch für diese Gruppe ist Adam von großer Bedeutung.

Keine leichte Kost – Für Andreas Brandhorsts „Das Schiff“ muss man schon einigermaßen wach sein. Ausreichend Kaffee kann da helfen… 🙂
(Foto: Sascha Vennemann)

Das fasst es tatsächlich immer noch ziemlich gut zusammen, obwohl sich der Roman insbesondere im letzten Drittel noch stark in eine Richtung entwickelt, die man zu Beginn nicht abschätzen kann – dann nämlich tritt das titelgebende „Schiff“ erst richtig in Erscheinung und der Text bekommt spät einen recht epischen Überbau. Auf dem Weg dahin wird spannend und klug über die Themen Künstliche Intelligenz, (Un-)Sterblichkeit bzw. Altern nachgedacht, verpackt in eine Story, die zwischen Rebellengeschichte, Entdeckungsroman und mal leiserer, mal lauterer Kritik an der fortschreitenden Technisierung unserer Welt hin und her wandert. – Wie fiel mein Fazit damals aus?

Andreas Brandhorts Zukunfts-Roman ist kein leichter Vertreter seines Genres, und das ist auch gut so. Denn hat man sich erst einmal in diese Welt eingefunden, lauern hinter jeder Ecke neue Erkenntnisse über die Bedeutung von Sterblichkeit und Altern, gepaart mit einem ordentlichen Schwung Sense of Wonder, einer uralten Bedrohung und Expeditionen in fremde, untergegangene Weltraumkulturen. Wer den nicht ganz einfachen Zugang zu der Geschichte findet, wird belohnt, aber „Das Schiff“ ist eher etwas für geübte Science-Fiction-Leser, die auch mit Stanislaw Lem etwas anfangen können – nicht für die „Star Wars“-Fraktion.

Ein Eindruck, der sich gerade in den späteren Kapiteln durchaus bewahrheitet, denn hier wird es noch phantastischer, technischer und auch philosophischer. So experimentell wie die Romane eines Jeff VanderMeer ist „Das Schiff“ zwar nicht, aber ja, man sollte vielleicht nicht als SciFi-Einsteiger zu dem Roman greifen.

Ein Manko hat das Buch allerdings – es ist eine Spur zu lang geraten. Gerade im letzten Drittel tritt der Text etwas auf der Stelle, werden Nebenschauplätze aufgemacht, die zwar nicht gänzlich überflüssig sind, aber das Tempo doch ziemlich ausbremsen. Wäre „Das Schiff“ etwa 50 bis 100 Seiten schlanker, wäre der Gesamteindruck noch etwas positiver. Trotzdem: Ein guter Roman, reichhaltig, leise mahnend und fordernd.

Fun Fact: Durch Zufall habe ich erfahren, dass Andreas Brandhorst seit einigen Jahren im selben Landkreis lebt wie ich. Ich hoffe, ihn zukünftig einmal persönlich zu treffen und ihn vielleicht für ein Interview gewinnen zu können.

„Das Schiff“ ist erschienen im Piper Verlag und kostet als Taschenbuch mit 544 Seiten 14,99 Euro, als Ebook 11,99 Euro. (Afilliate Links)

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