Gelesen: „Eine alte Schuld – Ein Cherringham-Krimi“ von Matthew Costello & Neil Richards

Ein komplexer Kuschelkrimi emanzipiert sich von der Kurzform

Das hätte ich nicht gedacht: Als „Cherringham“ vor etwas mehr als einem Jahr im Bastei Verlag als zweiwöchentlich erscheinende Heftromanauflage startete, da wusste ich noch nichts über die „Cosy Crime“-Serie der beiden Autoren Neil Richards und Matthew Costello, die bereits seit einigen Jahren erfolgreich bei Basteis Digitallabel  „be“ (für „Bastei Entertainment“) lief. Weder hatte ich eine genaue Vorstellung, was ich unter „Cosy Crime“ zu verstehen hatte, noch worum es bei der Krimi-Serie geht. Das änderte sich sehr schnell, und die beiden Protagonisten Jack und Sarah wuchsen mir bald ans Herz.

„Eine alte Schuld – Ein Cherringham-Krimi“
(c) Bastei Lübbe Verlag

Denn es ist so: Die beiden Autoren, von denen mir Matthew Costello bereits vorher als Autor der Geschichten zu zwei meiner Games-Favoriten „The 7th Guest“ und „Doom 3“ bekannt war, schaffen es tatsächlich, eine meist eher seichte Krimi-Handlung in eine Art soap-mäßiges, englisches Kleinstadt-Setting einzubinden. Dabei schicken sie die alleinerziehende Mutter zweier Kinder, Sarah Edwards, zusammen mit dem verwitweten, amerikanischen Ex-Cop Jack Brennan, in gemeinsame Ermittlungen. Oft geht es um Todesfälle, die Unfälle sein könnten, hinter denen aber meist mehr steckt. Blut fließt selten, es gibt kaum gruselige oder unappetitliche Details, nur einen Hauch von Gewalt und alles läuft zwar spannend, aber dabei entspannend ab. Mit jeder Folge erweitert sich das Dorfpersonal von Cherringham, und im Kopf bildet sich nach und nach ein bestimmtes Bild des Ortes heraus. In dieser Hinsicht erinnert mich das Ganze an die ebenfalls fiktive Stadt „Stars Hollow“ aus der TV-Serie „Gilmore Girls“, wo man sich auch nach ein paar Folgen wunderbar zuhause fühlt.

Wer möchte kann sich auch mit den beiden längeren „Cherringham“-Romanen „Tiefer Grund“ und „Eine alte Schuld“ befassen. Diese überlangen Episoden sind rund dreimal so umfangreich wie eine gewöhnliche Folge und entsprechen ungefähr einem 300-seitigen Taschenbuch. Während „Tiefer Grund“ tatsächlich auch als Taschenbuch erhältlich ist und chronologisch zwischen Band 24 und dem Weihnachtsspezial Band 25 spielt, ist „Eine alte Schuld“ bislang nur als Ebook erhältlich, eine Taschenbuchausgabe ist derzeit nicht angekündigt.

Ich habe bei den beiden Autoren mal nachgefragt, wann „Eine alte Schuld“ chronologisch in die Serie einzuordnen ist. Während „Tiefer Grund“ ja einen Cliffhanger aus Band 24 auflöst, ist „Eine alte Schuld“ komplett separat zu lesen. Neil Richards und Matt Costello haben mir aber verraten, dass sie diesen zweiten längeren Roman zwischen Band 25 und Band 26 geschrieben haben und dass sie empfehlen würden, den Roman am besten irgendwann nach Band 26 zu lesen.

Da die Autoren die Serie alleine schreiben, musste die Heftauswertung mit Band 30 beendet werden. „Cherringham“ wird jetzt (vorerst?) wieder nur als Ebook erscheinen. Band 31 „Ein jähes Ende“ ist seit dem 13.11.18 erhältlich, Band 32 „Mord in eisiger Nacht“ ist für den 20.12.18 angekündigt. Zudem wurde ein weiterer Band für April 2019 angekündigt. Und, wenn ich das richtig in einem Podcast mit den beiden Autoren mitbekommen habe, haben sie derzeit noch Verträge für insgesamt einen weiteren Kurzband (also Band 34) und einen längeren Roman. Zudem arbeiten sie wohl gerade an einer neuen Crime-Serie, die in den 1930er Jahren in den USA spielt.

Cherringham – Band 31: „Ein jähes Ende“
(c) Bastei Lübbe Verlag

In den letzten Tagen habe ich „Eine alte Schuld“, den zweiten längeren „Cherringham“-Roman gelesen, der mir sehr gut gefallen hat. Und das nicht nur, weil die Autoren darin mehr Platz haben, eine Geschichte zu entwickeln, sondern auch, weil sie sich für „The Body in the Woods“, so der Originaltitel, eine Handlung ausgedacht haben, die weit komplexer ist als alle bisherigen Fälle. Das gilt insbesondere für das Personal. In diesen Fall – eigentlich sind es mehrere Fälle, wie sich bald herausstellt – sind jede Menge Personen verwickelt, es kommen verschiedene Verbrechen und verschiedene Motive zusammen, die Costello und Richards zu einem Netz an Intrigen und Lügen spinnen, das bis kurz vor der Auflösung sehr gut hält und auch am Ende recht überzeugend wirkt. Und während sie diese neuen Figuren sehr gut entwickeln, passiert – mal wieder – bei Jack und leider ganz besonders auch bei Sarah – nicht viel, was die Charakterentwicklung betrifft. Die Leser wünschen sich schon lange etwas mehr Background für die Protagonisten. Der Roman hätte dafür sicher Platz und Anhaltspunkte geboten, diese wurden leider nicht gut genutzt.

Dennoch ist „Eine alte Schuld“ sicher einer der besten „Cherringham“-Romane bisher, weil er sich eben nicht wie eine überlange Kurzkrimi-Episode liest, wie es noch bei „Tiefer Grund“ der Fall war, sondern eine komplexere Handlung herausbildet, die auch als eigenständiger Krimi sehr gut funktioniert und eine Dynamik entwickelt, die man von einem „echten“ Thriller erwarten würde. Für treue Leser der Serie ist der Roman also eigentlich ein Muss, aber wer mit Ebooks gar nichts anfangen kann, muss leider erst einmal in die Röhre schauen. Ich hoffe, „Eine alte Schuld“ wird noch als Taschenbuch erscheinen. Verdient hätte der Roman es allemal – auch wenn nicht „Cherringham“ auf dem Cover stünde.

„Eine alte Schuld“ gibt es zum Preis von 7,99 Euro als Ebook bei allen gängigen Portalen.

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Gelesen: „John Sinclair – Engel?“ von Jason Dark

Templer, Vampir-Engel und eine verpasste Chance

Wer meine Lese-Vita ein bisschen nachverfolgt und in den letzten Wochen meine Social Media-Kanäle im Blick gehabt hat, der weiß, dass ich mich derzeit nebenbei auch immer wieder mal mit dem berühmtesten Geisterjäger Deutschlands befasse – John Sinclair. Höhepunkt der Aktivitäten nach dem Lesen einiger Classics-Hefte war kürzlich der Besuch der 2. John Sinclair-Convention in Köln, bei der ich Autor Helmut Rellergerd alias Jason Dark persönlich treffen und interviewen konnte. Das Ergebnis verlinke ich weiter unten.

Dort, in der Stadthalle Köln-Mülheim, wurde auch das Erscheinen des ersten Sinclair-Taschenbuchs aus der Feder von Jason Dark seit 15 Jahren gefeiert. Damals hatte man die monatliche Sinclair-Taschenbuchserie mit der Nummer 312 eingestellt, vor einem Jahr erschienen dann drei neue Sinclair-Taschenbücher aus der Feder anderer Autoren. Meine Rezension zu Brandmal von Florian Hilleberg und Mark Benecke ist beim Geisterspiegel erschienen, vom Oculus-Doppelband von Wolfgang Hohlbein habe ich bislang nur den ersten Roman gelesen. Engel? ist also der vierte neue Sinclair-Roman in Taschenbuchlänge und vom Serienschöpfer wieder selbst verfasst. Natürlich wollte ich das Ding möglichst flott lesen und hatte mir vorab auf der Convention die limitierte Box mit Buch, Hörspiel und Schlüsselanhänger geholt. So konnte ich bereits 14 Tage vor offiziellem Erscheinen mit der Lektüre beginnen.

Roman und Hörspiel von „Engel?“ sind beide in der limitierten Box enthalten, die auf der 2. John Sinclair Convention verkauft wurde.
(Foto: Sascha Vennemann)

Die Ausgangslage ist schnell erzählt: Der Templer Godwin de Salier wird während der Kreuzzüge bei einer Flucht aus einer von den Gegnern überrannten Stadt von einem merkwürdigen geflügelten Wesen gerettet, das als Gegenleistung seine Hilfe in ferner Zukunft einfordert. Godwin wird – wie Sinclair-Leser wissen – in der Heftserie aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt und leitet nun ein Templer-Kloster in Frankreich. Er befindet sich gerade auf einer Exkursion in Polen, als seine Frau Sophie einen Anruf von der Vampirin Justine Cavallo bekommt. Sie warnt die Frau des Templer-Führers, dass eine dunkle Macht hinter ihr her ist. Auch John Sinclair wird unterdessen von Father Ignatius in Rom über die Gefahr unterrichtet. Urwesen, silberäugige Vampir-Engel, haben es auf de Salier und seine Frau abgesehen. Sie retteten den Templer damals und wollen nun ihre Belohnung einfordern. Die hat etwas mit Sophie de Blanc zu tun – und mit ihrer Vergangenheit.

In der Zusammenfassung liest sich das alles gar nicht übel, und die Grundgeschichte gäbe auch einiges her. Aber wer Jason Dark, seine Arbeitsweise und seinen Schreibstil kennt, der weiß, dass es da in letzter Zeit wenig Erfreuliches zu lesen gab. Redundante Dialoge, zerfaserte Handlung, sich totlaufende Nebenstränge – das alles sind und waren keine Seltenheiten in den zuletzt veröffentlichten Texten. Sprachlich kann ein gutes Lektorat da einigermaßen gegenarbeiten, aber auch dabei sind einem Grenzen gesetzt. Umso gespannter war ich, wie sich Dark mit einem längeren Text nach der Pause von anderthalb Dekaden schlägt.

Die Antwort mag überraschen: Mal richtig gut – und mal abgrundtief übel. In der Tat gehört die dem Roman vorangestellte Vergangenheitshandlung zur Zeit der Kreuzzüge mit zum Besten, das ich je aus Darks Feder gelesen habe: Tolle Stimmung, straffe und spannende Handlung, keine sonderlich großen sprachlichen Ausfälle. Ich las und staunte, und ich freute mich. Sollte Engel? das Niveau halten, wäre ich höchst zufrieden gewesen.

Doch dann wechselt die Handlung in die Gegenwart – und stürzt vollständig ab. Bis auf das einigermaßen gelungene Finale im Vatikan in Rom eiert der Roman rund zwei Drittel seiner Länge planlos von Godwin zu Sinclair, bindet Justine Cavallo mehr schlecht als recht ein (und verklappt das Ende ihre Handlungsstrangs, als wäre er vergessen worden), bietet gewohnt sinnlose Konversationen mit nichtigem Informationsgehalt (siehe Beispielbild) und kommt in keinem Kapitel so richtig von der Stelle. Selbst die Action-Sequenzen wie der Vampir  vs. Vampir-Engel-Fight und eine Helikopter-Szene wirken unmotiviert und belanglos. Kein Wunder, möchte man meinen, hat Rellergerd doch zugegeben, dass er bei dem Roman nicht nach Exposé, sondern einfach so drauf los geschrieben hat. Dass das nicht sonderlich gut klappt, merkt man dem Roman in seinem über 200 von 330 Seiten umfassenden Mittelteil leider sehr an.

Ausschnitt aus „Engel?“ – Solche Null-Konversationen durchziehen den Roman.
(c) Bastei Lübbe

Das ist doppelt schade, denn an grundlegenden Ideen für einen spannenden Roman mangelt es ja nicht, wie die Zusammenfassung zeigt. Leider ist die Umsetzung dann aber mangelhaft: unkonzentrierte Szenenfolgen und Gespräche, kein Gespür für Timing, Cliffhanger, die keine sind… Die Liste lässt sich beliebig weiterführen. Engel? ist eine verpasste Chance – sowohl für Altleser als auch solche, die es gerne aufgrund der Lektüre geworden wären. Beide dürften sich über die gelungenen ersten 50 Seiten freuen. Neuleser dürften den Roman dann aber bei der Gegenwartshandlung aufgrund des abrupt hölzernen Stils und mangelnder Spannung enttäuscht zur Seite legen. Altlesern machen diese sprachlichen Manierismen vielleicht nichts, aber man muss schon sehr hart im Nehmen sein, um da ein Fortschreiten der Story wahrzunehmen. So tut man sich für das Franchise jedenfalls keinen Gefallen, wenn man nicht nur auf die Zugkraft der Namen John Sinclair und Jason Dark setzt. Auch Unterhaltungsliteratur sollte ein gewisses Niveau einhalten. Das sehe ich hier leider nicht erfüllt.

Helmut Rellergerd ist ein sehr sympathischer Mann, dessen schriftstellerische Lebensleistung mir aufgrund seiner schieren Masse wirklich den Atem raubt. Andererseits hoffe ich, nie so wie er zu schreiben, zumindest nicht so, wie er es in den vergangenen Jahren getan hat. Dieser Stil ist zeitweise für mich wirklich schwer zu ertragen. Dialoge vom Format: „Was ist los?“ – „Weiß ich nicht.“ – „Keine Ahnung?“ – „Nein.“ – „Und weiter?“ – „Abwarten.“ – „Worauf?“ – „Es wird etwas passieren.“ – „Ja.“ transportieren keine Information und treten jede noch so gute Ausgangsidee mit Füßen. Engel? wäre daher vielleicht ein ganz toller, weil kürzerer Doppelband für die Heftserie geworden, als Taschenbuch funktioniert der Roman aufgrund seiner aufgeblasenen Länge mit einer immer wiederkehrenden Folge von Füllszenen, mangelnder Spannung und – bis auf die erwähnten Ausnahmen – blasser Atmosphäre leider überhaupt nicht. „Das muss man so sehen“, würde John Sinclair sagen. „Verdammt…“

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Neuauflagen im Heftroman – Alter Wein in neuen Schläuchen? Ja, bitte!

Warum ich mich über jede Wiederveröffentlichung im Romanheft freue

Billy Jenkins, Tom Prox, Dorian Hunter (aka. Dämonen-Killer), Amerika, John Sinclair Classics und bald der Gespenster-Krimi – Derzeit erfreut uns der Bastei Verlag mit vielen neu, in Bälde oder kürzlich gestarteten Wiederveröffentlichungen von älteren Romanheften, die im Bereich der Western bis in die 1950er Jahre zurückreichen. Auch andere Verlage wie der Martin Kelter-Verlag probieren es jetzt nun mit Laycock wieder, nachdem Butler Parker sehr schnell wieder verschwand, und Pabel macht den Lesern mit den Seewölfen im Ebook eine Freude, auch wenn man derzeit dort keine Nachdruck-Prints im Heft findet.

Neuauflagen im Heftroman – Die Chance, Vergangenes und Verpasstes aufzuholen.
(Foto: Sascha Vennemann)

Anlass für diese kleine Notiz hier ist es, dass sich einige Leser wünschen, man möge als Verlag den Schwerpunkt nicht auf die kostengünstigeren Nachdrucke legen, sondern sich bitteschön um Neues bemühen: Neue Konzepte, neue Serien, neue Romane und Texte, die frisch, modern und verkaufsfördernd sind, damit das schwächelnde Format des Heftromans frischen Wind bekommt und wir uns noch lange daran erfreuen können. Sehe ich genauso: Ich will, dass der Heftroman noch möglichst lange die Regale unseres Landes (und auch gerne überall auf der Welt) bevölkert, vielleicht sogar etwas präsenter, als er es derzeit in seinen kleinen Drehständern und Nischen in den Bahnhofsbuchhandlungen tut.

Dennoch kenne ich als Autor auch die Sorgen und Nöte der Verleger, die versuchen müssen wirtschaftlich zu arbeiten. Machen wir uns nichts vor: Neue Romane und Konzepte kosten Geld. Werbung ebenfalls. Immer wieder wird gemault, dass der Heftroman zu wenig für sich wirbt. Wer sich aber schon einmal mit dem Marketing auseinandersetzt hat, der weiß, dass Werbung einfach verdammt viel Geld kostet und man den Effekt dieser in den seltensten Fällen adäquat messen kann. Da kann man es schon verstehen, dass Verlage sich dahingehend bedeckt halten – zumal die Zielgruppe für die Romane an sich auch schon ein eng umrissenes Klientel umfasst. Wenn schon der Buchmarkt allgemein einen Millionenschwund bei den Lesern zu verzeichnen hat, bleibt der Heftromanmarkt davon nicht unbeeinflusst – wenn auch, soweit zu überblicken, der nicht so sehr ums Überleben kämpft, wie immer gerne behauptet wird.

Gute Werbung für den Heftroman ist jedenfalls Präsenz. Das bedeutet, dass jede aktuell im Handel erhältliche Serie – egal ob Neuauflage oder neue Serie – die Chance erhöht, dass mal jemand danach greift. Dass nicht immer alle Hefte auch den Handel erreichen und die Verteilung teils zu wünschen übrig lässt, ist übrigens Sache des Vertriebs und nicht der Redaktionen. Wer sich deswegen beschweren will, wende sich also bitte direkt an diese Abteilungen der Verlage und nicht an Autoren oder Lektoren, die da oft gar nichts ausrichten können. Einfache Rechnung: Je mehr Serien es gibt, desto öfter werden sie wahrgenommen. Wer am Regal vorbeigeht, bekommt mehr Auswahl. Wer dort sowieso regelmäßig vorbeischaut, nimmt vielleicht auch mal ein Heft mehr mit. Diese Präsenz ist Werbung – und zwar genau an der Zielgruppe. Das finde ich sinnvoll.

Sinnvoll sind die Nachdruckserien auch für Spätberufene und faule Socken wie mich. Als ich im Jahr 2000 mit dem Lesen von Heftromanen begann, hatte das Format seine Blütezeit längst hinter sich. Dutzende, nein, hunderte von Serien waren in den Nachkriegsjahren bereits erschienen und wurden als zerfledderte Lese-Leichen auf Flohmärkten verscherbelt, wo ich dann den ein oder anderen ollen Macabros oder Tony Ballard einsackte, ohne zu wissen, was das überhaupt für Serien waren. Später las ich auch in Mystik-, Western- und (Gruß an Klaus N. Frick) Raketenheftchen-Romane hinein – und verliebte mich nicht nur in dieser Form des knappen Geschichtenerzählens, sondern vor allem in das tolle Format des Romanhefts.

Mit der weiteren Beschäftigung mit dem Heftroman erkannte ich, wie viel ich – der ich im Alter von 19 Jahren zum Lesen der Hefte kam und damit wohl einer der jüngeren Leser nach der Jahrtausendwende war – bislang auch schon verpasst hatte. Und da kommen die Neuauflagen ins Spiel. Denn mein Romanheft-Lesestart ist nun schon wieder fast 20 Jahre her. Mal als Vergleich: im Jahr 2000 lief die eigenständige John Sinclair-Serie „gerade mal“ 22 Jahre. Und selbst „meine“ Serie Maddrax hat in diesem Jahr die Volljährigkeit erreicht. Verdammt, wo ist die Zeit geblieben?

Machen wir uns nichts vor: Die Romanheft-Leser (und auch Autoren) sind größtenteils alte Knacker. Damit meine ich: wenige jenseits der 40, die allermeisten jenseits der 50. Nur wenige Menschen unter den Kollegen sind jünger als ich mit meinen derzeit 37 Jahren. Jüngere Leser kenne ich sogar gar keine persönlich. Aber ich will nicht von meiner Filterblase auf die Allgemeinheit schließen, vielleicht ist es ja auch gar nicht so. Die Generation, die so viel und so gerne Heftromane las, die erinnert sich vielleicht noch an die „alten Heftchen“ aus den 1970er und 1980er Jahren. Ich kann das gar nicht, ich war damals viel zu jung. Und so fanatisch, dass ich mir alle möglichen Serien bei Ebay oder auf Flohmärkten zusammenkaufen wollte, war ich dann auch nicht. Aber ich bin neugierig – darauf, was in dem Format schon alles lief und wovon die „Alten“ sprechen.

Die Neuauflagen sind da ein tolles Mittel, wie ich an diese Texte ohne großen Aufwand herankomme. Und zwar getaktet, als ob ich eine „neue“ Serie lesen würde. Was sie ja für mich auch sind. Die Zielgruppe dieser Neudrucke dürften also Nostalgie-Fans sein und Neuleser, so wie ich. Wer die alten Auflagen besitzt und gelesen hat, muss sie sich nicht kaufen, das ist richtig. Wer damals las und der Hefte im Laufe der Zeit verlustig ging, der kann sie sich jetzt wieder besorgen. Auch nicht übel!

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Neuauflagen – und zwar durch sämtliche Genres – ermöglichen es mir als „junger“ Romanheft-Leser, Altes aktuell neu zu erleben. Zudem erhöhen sie durch ihre Präsenz die Aufmerksamkeit für das Format und sind – oft – durch die zeitgleiche Veröffentlichung im Ebook-Format sogar fit für die nächste Lesegeneration. Noch so ein Ding: Im Zuge der Neuveröffentlichung werden die Texte oft erstmals digitalisiert und überdauern so jedes vergilbte Papier. So wird ein Kulturschatz zusätzlich elektronisch gesichert. What’s not to love about that?

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Gelesen: „Throne of Glass“ von Sarah J. Maas

Von einer starken Frauenfigur, die nicht funktioniert

Ich mag Fantasy, ich mag starke Frauenfiguren. Da ich mich als Autor auch gerne im phantastischen Genre bewege, hält man es auch immer für eine gute Idee, mir Lektüre aus den entsprechenden Sparten zu schenken. Das ist auch richtig so. So lese ich oftmals auch Sachen, zu denen ich selbst wahrscheinlich nicht automatisch gegriffen hätte. Solch ein Fall ist auch „Throne of Glass“ von Sarah J. Maas.

Mittelschwere Enttäuschung – Sarah J. Maas‘ „Throne of Glass“ ist nicht unbedingt der beste Fantasy-Roman.
(Foto: privat)

Den Roman hatte man mir 2013 geschenkt – und zwar in der englischen Originalausgabe. Da ich mir zum Ziel gesetzt hatte, dieses Jahr wenigstens ein Buch auch auf Englisch zu lesen kam es mir nur recht, dass ich es da auf meinem Stapel ungelesener Bücher entdeckte. Im Vorfeld hatte ich davon gehört, dass Leser besonders die Hauptfigur, die Assassinin Celaena Sardothien, lobten. Sie sei eine starke weibliche Heldin, eine Figur, wie sie die Fantasy-Literatur öfter gebrauchen könnte. Mit entsprechenden Erwartungen machte ich mich an die Lektüre. Ich sollte sehr enttäuscht werden.

Denn Celaena ist zwar eine junge Kriegerin, die beste ihrer Zunft, aber sie kann ihre Fähigkeiten in diesem Roman kaum ausspielen. Sie muss sich in einem Wettbewerb mit anderen Kämpfern messen, aber diesen Prüfungen wird im Buch nur wenig Platz eingeräumt. Nach einer vielversprechenden Einführung verliert sich der Roman darin, hauptsächlich zu schildern, wie sich Celaena mal in den Prinzen und mal in den Hauptmann der Wache zu verlieben scheint. Wem soll sie den Vorzug geben? Wem darf sie überhaupt ihre Zuneigung schenken? Natürlich geht es auch um alte Geheimnisse und ein paar Tests, aber im Kern bleibt nur dieses Liebes-Geplänkel von der Story, die im Übrigen sprachlich alles andere als anspruchsvoll gestaltet ist, übrig.

Ja, ich bin nicht die Zielgruppe dieses Romans. Und es hilft vielleicht ach nicht, dass ich gerade erst in kurzer Folge alle „Hunger Games“-Filme gesehen habe, in denen Catniss Aberdeen in einer ähnlichen emotionalen Zwickmühle zwischen zwei Love Interests steckt. Nur, dass dies dort viel besser motiviert und gelöst ist als in „Throne of Glass“ – auch schon im ersten Band der Trilogie um die Hungerspiele. Sechs Romane um die Assassinin hat die Autorin Sarah J. Maas inzwischen geschrieben. Aber da der Auftakt nicht überzeugt, werde ich wohl kaum die nächsten Bücher über ihre ach-so-toughe Heldin lesen.

Hinzu kommt, dass der Roman durch diese Soll-ich-darf-ich-ihn-lieben-Passagen sehr viel an Tempo und Spannung einbüßt. Immer wieder werden Duelle, Intrigen und alte Geheimnisse eingestreut – aber diese Dinge wären viel besser dazu geeignet gewesen, die Figur zu entwickeln, ihre Fähigkeiten zu veranschaulichen und sie daran wachsen zu lassen. Wieder muss das Beispiel „Hunger Games“ dafür herhalten. Suzanne Collins zeigt, wie man es richtig macht. Als Finale bietet „Throne of Glass“ dann ein abschließendes Duell, bei dem die Protagonistin aufgrund einer Einschränkung, die ich hier aus Spoilergründen nicht verraten möchte, gar nicht aktiv mitwirken kann. Die Erwartungen verpuffen vollständig, ebenso die ohnehin kaum vorhandene Spannung darauf, wie es denn aus- und weitergeht.

Was alles sehr schade ist, denn das Potenzial wäre da gewesen, aus dem Setting und der Figurenkonstellation etwas Großartiges zu machen. Mag sein, dass es in den späteren Romanen gelingt. Nur bin ich da nicht mehr als Leser mit dabei.

 

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Gelesen: „Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“ von Ron McLarty

Ein All-American-Road Movie-Roman auf dem Rad

Es gibt Bücher, mit denen ist man schon durch eine Geschichte verbunden, bevor man sie überhaupt gelesen hat. „Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“, ein Roman von Ron McLarty, ist für mich so ein Buch. Ich trug jahrelang – und über drei Ümzüge hinweg – einen kleinen Schnipsel in meiner Zettelsammlung herum, der auf dieses Buch hinwies. Den Ausriss hatte ich einst aus einer Art Gemeindebrief herausgetrennt, der mir noch während meiner Studienzeit in Bielefeld ins Haus flatterte. Das muss so um das Erscheinungsjahr des Buches in Deutschland gewesen sein – also 2006. Die Geschichte eines Mannes, der sich nach dem Verlust seiner Familie einfach auf ein Rad schwingt und quer durch die USA fährt, sprach mich als Road Movie-Fan an. Ebenso, dass einer meiner Lieblingsautoren, Stephen King, offenbar für den Roman schwärmte.

„Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“ von Ron McLarty.
(c) Goldmann Verlag/Random House

Das Jahr 2018: Der Schnipsel ist inzwischen verschwunden, das Buch aber nicht vergessen. Es dämmerte auf meiner Lesewunschliste, inzwischen digital, vor sich hin und wartete, endlich dran zu sein. Ich besorgte mir das Buch als „Beifang“ zu einer Bestellung in einem Online-Antiquariat und begann zu lesen. Und mein Gefühl behielt Recht: das ist ein Roman für mich.

Smithy Ide ist 43 Jahre alt und arbeitet in einer Spielzeugfabrik, wo er kontrolliert, ob die Gliedmaße einer Actionfigur auch richtig an den Korpus angebracht wurden. Er hat keine Freunde, trinkt literweise Bier und isst gerne überbackene Brezeln. 279 Pfund bringt er auf die Waage, doch das stört ihn nicht. Einmal im Jahr fährt er mit seinen Eltern in den Urlaub an einen See, gemietetes Häuschen, ein bisschen Angeln, alles schön. Auf der Rückfahrt von einem dieser Urlaube verunglücken Smithys Eltern tödlich. Wie betäubt lässt er die Trauerfeier und die Beerdigung über sich ergehen. Als er die Post seiner Eltern durchsieht, fällt ihm ein Brief aus Kalifornien in die Hände, in dem steht, dass man Smithys Schwester Bethany tot aufgefunden habe. Sie lebte als Obdachlose an der Westküste, weit von Rhode Island entfernt.

In der Erinnerung an seine Schwester, die aufgrund einer psychischen Störung phasenweise eine Stimme hörte, die sie zum Verharren in bizarren Posen, zum Sprung von einer Brücke und wiederholten Fluchten von Zuhause zwang, taucht Smithy immer wieder in Gedanken in die Vergangenheit ab. Er erinnert sich, dass er früher dünn und sportlich war, gern angelte und vor allen Dingen stundenlang mit seinem Raleigh-Fahrrad durch die Gegend fuhr. Dieses Rad steht noch in der Garage seiner Eltern. Ohne darüber nachzudenken fährt der dicke Smithy los. Sein Ziel: Los Angeles, wo die Leiche seiner Schwester darauf wartet, was mit ihr geschehen soll.

Der Roman von Ron McLarty heißt im Original „The Memory of Running“ und fasst viel besser zusammen, worum es geht. Es geht um das Weglaufen vor Schmerz und Trauer, von verpassten Chancen und der Verantwortung für sich selbst. Auf seiner Reise quer durchs Land begegnet Smithy immer wieder anderen Menschen, die ebenfalls schwere Zeiten durchmachen. Durch seine sehr naive Art wirkt er ein bisschen wie Forrest Gump, sein fehlendes Selbstbewusstsein führt dazu, dass er in argwöhnischen Zeitgenossen sogar Feindseligkeit hervorruft. Dabei ist er eigentlich nur teilnahmslos oder möchte zuvorkommend sein.

Der Roman ist ein einem gefälligen, leicht emotionalen Ton geschrieben, macht große Bilder und schöne Charakterporträts auf, und King-Leser verstehen auf Anhieb, warum dem Meister der Text gefällt. Viele Erzählkniffe, die hier zur Anwendung kommen, sind ihm ebenfalls eigen. Dass Smithy im Vietnamkrieg gedient hat, dabei gar nicht aktiv kämpfte und trotzdem von Kugeln durchsiebt wurde, trägt noch weiter zum „All American Novel“-Gefühl bei, das Ron McLarty hier evoziert. Der Roman sollte ursprünglich nur als Hörbuchfassung erscheinen, was man anhand der übersichtlichen Kapitel durchaus positiv bemerkt.

Episoden des radelnden Smithy wechseln sich mit Episoden aus seiner Vergangenheit ab, die sich vor allem um seine Schwester und deren unfassbare Krankheit drehen. Die Familie hat nie gelernt damit umzugehen, kümmert sich zwar herzlich, aber hilflos um die junge Frau, bis diese der Stimme vollends verfällt und aus ihrem bisherigen Leben ausbricht. Während Smithys Pfunde schmelzen, weil er Dutzende Meilen am Tag fährt und sich nur von Wasser und Bananen ernährt, verarbeitet er erst die schmerzhaften Momente seines Lebens. Das ist melancholisch und anrührend, hart an der Grenze zum Kitsch, aber gerade noch so, dass man seufzen möchte: „Hach, schön!“

Alles in allem ist der Roman zwar etwas generisch, macht dabei aber wirklich alles richtig. Timing, Stil und emotionale Ansprache erzeugen einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Dass das alles vermutlich am Reißbrett entstanden ist und auf eben jenen Effekt geschrieben ist, vergisst man dabei leicht. Und lässt sich mit Smithy auf dem Rad durchs Land tragen, Landschaften und Charaktere erleben, staunen und grübeln. Hach, schön!

„Die unglaubliche Reise des Smithy Ide“ ist in der deutschen Fassung derzeit nur noch antiquarisch erhältlich und gibt es leider nicht einmal als Ebook.

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Gelesen: „Hikikomori“ von Kevin Kuhn

Von jemandem, der auszog, indem er sich einschloss

Wie so oft bei Büchern, die nicht zwangläufig in meiner Filterblase auftauchen, weil ich mich mit ihren Themen sowieso irgendwie beschäftige, erfuhr ich von Kevin Kuhns Debütroman „Hikikomori“ in einer Besprechung bei Deutschlandfunk Kultur. Das Thema des Romans sprach mich sofort an. Es geht um einen jungen Mann, der sich zunächst tage-, dann wochen- und später monatelang nicht mehr aus seinem Zimmer hinaus bewegt, schließlich sogar die Tür abschließt und die Fenster zuklebt, und zwar, um sich selbst zu finden. Das klingt nach „Coming of age“-Text und ist es auch. Dennoch bietet „Hikikomori“ sehr viel mehr als das. Aber nur, wenn man Zugang zu dem Roman findet – was, zugegebenermaßen, nicht einfach ist.

Kevin Kuhn – Hikikomori
(c) Berlin Verlag, 2012

Der sperrige Titel liefert gleich die Definition für das Phänomen, auf das hier Bezug genommen wird. Wikipedia weiß: „Als Hikikomori (jap. „sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug“) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. Der Begriff bezieht sich sowohl auf das soziologische Phänomen als auch auf die Betroffenen selbst, bei denen die Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können.“ Beschrieben wurde das Phänomen laut Wikipedia erstmals 1998 – was wenig verwunderlich ist, denn einher mit der gesellschaftlichen Isolation geht oft auch das Aufgehen in einer virtuellen Existenz, eines zweiten Lebens im Internet. 1998 konnte man da mit einer ISDN-Leitung schon ein bisschen was reißen. Sowieso lohnt sich der oben verlinkte Definitionsartikel, um sich einen groben Überblick zu verschaffen, worüber hier geredet wird.

Till Tegetmeyer steht kurz davor, die Waldorfschule abzuschließen, als er erfährt, dass er nicht zum Abitur zugelassen wird. In der Unsicherheit, ob das für ihn und seine Familie überhaupt ein Problem darstellt, fasst er einen folgenschweren Entschluss. Während andere in Bälde Studieren gehen – oder wie sein bester Kumpel Jan zu einem Work-and-Travel-Selbstfindungstrip aufbrechen -, wird er, eh ein eher stiller und nachdenklicher Zeitgenosse, versuchen, sich selbst durch ein Experiment in den heimischen Vier Wänden zu einem Charakter zu formen. Er wirft sämtliche Möbel und Gegenstände aus seinem Zimmer, behält nur eine Matratze und seinen Schreibtisch mit dem Desktop-Computer zurück – seine Verbindung zur Außenwelt. Zunächst verlässt er sein Zimmer noch sporadisch, und zwar immer dann, wenn er den Kontakt zu seiner Familie vermeiden kann – nachts, oder wenn niemand in der Wohnung ist. Dann versorgt er sich mit Nahrung und kümmert sich um seine Körperhygiene. Als er merkt, dass auch das ihn zunehmend anstrengt und es auch anders geht, reduziert er die Kommunikation auf Briefe an seine Mutter, die er unter der Tür hindurch schiebt und in denen er Essens- und andere Wünsche formuliert. Die Mutter, ihren Sohn liebend, erfüllt die Aufgaben gern.

An dieser Stelle muss ich über die Familie ein paar Worte verlieren. Sie allein ist schon Grund genug, sich in seinem Zimmer zu verkriechen, so sehr mit Klischees angereichert ist sie. Der Vater Oskar ist plastischer Schönheitschirurg, der Globuli für den Gipfel medizinischer Behandlungskunst hält, Sport vergöttert und das Golfspielen mehr liebt als seine Frau. Er hält Tills Anwandlung für ein probates Mittel der Mannwerdung, versteht aber nicht, wie diese Sache sich irgendwann verselbstständigt und nicht mehr in sein Konzept von Charakterformung passt. Mutter Karola betreibt einen SchauRaum, in dem sie thematisch geordnet Einrichtungsgegenstände zusammenstellt und diese an interessierte Kunden weiterverkauft, eine Art intuitive Raumgestalterin und ein bildungsbürgerliches Windei par excellence. Schwester Anna-Marie, nur wenig jünger, kokettiert mit ihrer Teenie-Jugend und piesackt den Bruder, sonst ist sie ganz der geltungssüchtige unfertige Mensch, der sie in dem Alter noch sein darf. In dieser Gesellschaft, die zu allem eine Meinung hat und für die alles irgendwie Sinn ergibt und „Okay“ ist, muss Till einen Weg finden, herauszubekommen, wer er ist und sein will. Gerne nimmt man ihm ab, dass er allein schon durch diese Lebenssituation am Rande des Zusammenbruchs stehen müsste, was er allerdings aktiv gar nicht hinterfragt. So schildert ihn der Autor nicht.

Till verbringt Tage damit, das Licht durch sein leeres Zimmer wandern zu sehen. Die Wände hat er mit schwarzem Filzstift beschriftet, dort, wo einst Möbel standen, um sie in Umrissen zu simulieren. Er spielt den ganzen Tag den Weltkriegs-Shooter Call of Duty im Multiplayer, sucht sich dort ehemalige und neue Online-Freunde zusammen. Als er bemerkt, dass ein Nachbar von gegenüber ihn mit einer Webcam filmt und den Stream ins Netz stellt, reduziert er seine und die Wahrnehmung der Zuschauer noch weiter, indem er das Fenster mit Textilklebeband vollständig abklebt. Er verlässt den Raum nun nicht mehr, wäscht sich mit einem feuchten Waschlappen, bekommt Mutters Essen und Zigaretten vor die Tür gelegt, die Wäsche wird gewaschen, die Ausscheidungen gesammelt und weggekippt.

Die Isolation verändert Till, so wie er es ja eigentlich wollte. Er verliert sich manchmal im Dunkel des Raumes, in dem oft nur der Monitor Licht spendet. Er spürt Erinnerungen nach, die er hier gemacht hat, versucht, andere Zeitpunkte des Seins in seinem Zimmer wieder heraufzubeschwören, beispielsweise einen Abend mit seiner Freundin Kim, deren zarte Zuneigung von beiderseitiger Unsicherheit geprägt ist, Till aber wahnsinnig kostbar erscheint. Doch diese Eindrücke verblassen. Neue Reize besorgt er sich durch ein exotisches Tier, das er sich im Internet bestellt: einen grünen Leguan, der ihm fortan in seiner Selbstfindungshöhle Gesellschaft leistet. Dabei bleibt das Tier auch Tier und wird nicht zum Menschersatz. Eine externe Biomasse, eine Rückversicherung, dass es Leben gibt, das schweigsam und genügsam ist, so wie Till selbst.

Wochen und Monate vergehen. Vollends in seiner eigenen Welt verschwindet Till dann, als er das Spiel Minecraft entdeckt. In dem Spiel von 2009 erbaut man seine eigene Welt aus einem Bauklötze-System, das Spiel ist hochadaptiv, man kann dort fast alles nachbauen und simulieren. Till entwirft mit der Welt 0 ein Idealbild, ein Utopia, in dem er als Schöpfer agiert und in das seine Online-Freunde nach und nach einziehen. Dort findet er einen besten Freund, eine Freundin und bildet dort sogar die Beziehungen nach, die er zu Kim und Jan führte, als er begann, sich zurückzuziehen. Er findet in ein virtuelles Leben, das von Zufriedenheit geprägt ist, aber keine Störungen von außen zulässt. Als es Winter wird und die Heizung im Zimmer nicht mehr funktioniert, die Familie ihn aufgibt und ihm nicht mehr hilft, wird jeder Außenreiz zum Störfaktor. Als ihm dann, nach Monaten der Isolation, der Strom abgestellt wird, bricht erneut eine Welt zusammen…

Viele Rezensionen des Buches, das 2012 im Berlin Verlag erschien, sprechen von einer sperrigen Ausdrucksweise des Autors, einer distanzierten Sicht auf seinen Protagonisten, den wir durch viele Beschreibungen seiner Tagesroutinen in seiner Isolation kennen lernen. Das empfinde ich gar nicht so. Ich fand es höchst interessant, welche Gedanken Till hat, als er sich nur auf sich selbst zurückgeworfen mit sich beschäftigen muss. Erinnerungen und Imaginationen bilden fortan den Hintergrund seines Nachdenkens, das Versenken in Augenblicke, das Wahrnehmen des Augenblicks an sich, der Verlust des Zeitgefühls. Jeder, der schon einmal die Nächte durchgezockt hat, kennt dieses Gefühl, völlig leer, aber total aufgekratzt um 7 Uhr morgens die Vorhänge aufzuziehen und sich zu fragen, wo die Nacht geblieben ist. Einsamkeit kann sehr befreiend sein. Sich um nichts anderes als sich selbst kümmern zu müssen, ebenfalls. Solche Phasen können tatsächlich einen Charakter definieren, ihn formen, ihn an sich selbst wachsen lassen.

Grundsätzlich ist Tills Idee – und die Idee des „Hikikomori“ – deswegen auch gar nicht so verkehrt, wie ich finde. Menschen, die immer andere Menschen um sich haben müssen, die nicht allein sein können und deswegen nicht die Zeit finden, über sich und ihre Situation nachzudenken, sind mir persönlich im besten Fall suspekt, im schlimmsten Fall hochgradig unsympathisch. Doch genauso wichtig ist der Abgleich mit anderen, das Verorten der empfundenen Realität mit der der anderen, die man kennt und liebt. Dieser Vorgang ist zwar ein sozialer, im Endeffekt aber doch wieder einer der Abgrenzung, der Isolation. Erfahrungen sind Erfahrungen – seien sie nun virtuell oder echt. Es kann einem genauso viel geben, per VR-Brille am Strand einer Südseeinsel entlang zu gehen, als wirklich dort zu sein. Das eigene Empfinden ist so vielfältig wie der Mensch.

Was mich an Kevin Kuhns Roman so gefesselt und bewegt hat, ist, wie oft ich mich der Figur Till nahe gefühlt habe. Der Autor ist 1981 geboren, so wie ich, und hat wohl zumindest ähnliche Erfahrungen gemacht, wie ich es tat. Wer Call of Duty nicht kennt und gespielt hat, dem fehlt etwas in der Art der Rezeption, die dieser Text anbietet und vielleicht auch braucht. Minecraft spielte ich nie, bin aber mit dem Konzept des Spiels vertraut und konnte den entsprechenden Passagen im letzten Drittel des nur 221 Seiten kurzen Romans gut folgen. Und ich finde, er zeigt in seiner reduzierten Form gut auf, woran viele junge Menschen in unserer Gesellschaft gerade scheitern. Das Überangebot an Möglichkeiten, sich zu entfalten und die Erwartung, dass dies auch zu geschehen habe, sorgt für eine permanente Überforderung. Damit sind nicht nur (interaktive) Medien und Social Media gemeint, aber natürlich auch. „Du kannst alles sein!“ ist oft keine Freiheit, sondern der implizite Befehl „Du musst etwas sein! Entscheide dich!“ Wer keine Filter für die Reduzierung der Komplexität des Alltags entwickeln kann, strauchelt zwangsläufig. Ich kenne keinen in meiner Generation, dem es nicht einmal so gegangen wäre und gelegentlich noch immer so geht. „Hikikomori“ ist damit eine sehr kluge Beobachtung, exemplarisch und doch entschieden individuell, ein Zeit- und Generationenporträt einer gewissen gesellschaftlichen Gruppe – „Schicht“ passt hier nicht – und macht den Text zu einer manchmal schwer zu ertragenden Lektüre. Mit all dem hat das Buch meine Erwartungen voll erfüllt. Ich bin nachhaltig beeindruckt.

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Gelesen: „Betoninsel“ von J.G. Ballard

Gefangen im Verkehrsmeer

Wer sich vielleicht gefragt hat, wo ich mir Inspirationen hole für Bücher, die auf meine Amazon-Wunschliste kommen sollen, dem sei gesagt, dass ich täglich Deutschlandfunk Kultur als Podcast höre – und zwar die wunderbare Sendung „Lesart“, die so ziemlich alles bietet, was man als breit interessierter Literatur-Mensch wissen möchte. Die Sendung ist für mich ein Quell von immer wieder ganz unterschiedlichen Entdeckungen. Eine davon ist der Roman „Betoninsel“ von J.G. Ballard, der aktuell – zusammen mit anderen Romanen des Autors – im Diaphanes Verlag wiedererschienen ist.

J.G. Ballard – Betoninsel
(c) Diaphanes Verlag

Im Original heißt das Ding „Concrete Island“ und erschien bereits 1974. Diaphanes greift auf eine Textfassung zurück, die 1992 im Suhrkamp Verlag erschien und für die Neuausgabe revidiert, also sprachlich behutsam angepasst wurde. Laut Amazon erschien bereits 1981 eine deutsche Ausgabe in der Reihe Heyne Science Fiction. (An dieser Stelle vielen Dank an denjenigen, der mir das Buch zum Geburtstag geschenkt hat.)

Der Autor James Graham Ballard sagte mir nichts, obwohl er scheinbar eine Art Klassiker der Science Fiction-Literatur sein soll. Sein Roman „High Rise“ wurde im letzten Jahr verfilmt, den Titel hatte ich am Rande mitbekommen, aber mehr auch nicht (schon gar nicht, dass der Streifen auf einer Vorlage des Autors beruht).

Die Besprechung im Radio klang aber interessant. Nun, was jemand, der manchmal einen von anderen Menschen als seltsam titulierten Geschmack hat, halt interessant findet. Der Einfachheit und der schönen Zusammenfassung wegen, hier der Klappentext:

Auf seinem Heimweg von der Arbeit kommt Robert Maitland, ein 35-jähriger Architekt, mit seinem Jaguar von der Fahrbahn ab, durchbricht eine Leitplanke und wird auf eine Verkehrsinsel geschleudert. Als er verletzt wieder zu sich kommt, versucht er vergeblich Hilfe zu holen und die Fahrbahn oberhalb der Böschung mit ihrem rasenden Verkehrsstrom zu überqueren. Gefangen im verwilderten Niemandsland eines gigantischen Autobahnkreuzes muss er mit dem wenigen, was sich in seinem Wagen befindet, auskommen. Nach Überwindung von Schock und Apathie nimmt er den Kampf um sein Überleben auf, beginnt sich einzurichten und seinen Lebensraum auszukundschaften, bis er nach einer gewissen Zeit plötzlich bemerkt, dass er in der Zone nicht alleine ist…

Das fand ich als Ausgangssituation für einen Roman schon einmal klasse. Ich fragte mich, was er auf diesem begrenzten Stück Land wohl finden mag – und wieso es ihm nicht gelingen sollte, von dort irgendwie zu fliehen. Ich erwartete also so etwas wie eine Robinsonade im modernen Gewand. Nun, so ganz falsch lag ich damit nicht, auch wenn mich die Lektüre besonders in der zweiten Hälfte des Romans ganz schön zu überraschen wusste.

Geschickt löst Ballard das Problem, warum Maitland die Flucht nicht gelingt: Er wird beim Unfall schwer verletzt und beim ersten Fluchtversuch von der Betoninsel noch einmal angefahren. Danach ist es erst einmal Essig mit dem Bewegen. Soll heißen: Ja, auch wenn die Betoninsel, tief zwischen den Fahrbahnen liegend, Böschungen hat, die man erklettern kann, kommt er da nicht so einfach raus. Zwar versucht er alles Mögliche, um auf sich aufmerksam zu machen – u.a. versucht er, seinen Wagen abzufackeln – aber er scheitert immer wieder. Was zum großen Teil auch daran liegt, dass die Menschen in ihren Autos ihn gar nicht wahrnehmen – oder wahrnehmen wollen.

Und da wurde mir sehr schnell klar, das Ballard hier ganz bewusst eine kafkaeske Stimmung aufbaut, die mich frappierend an meine erste Lektüre von „Die Verwandlung“ erinnerte. Mit derselben Faszination, mit der ich damals in der Oberstufe las, wie Gregor Samsa sich in einen Käfer verwandelte, aber sich kaum fragte, warum eigentlich, las ich jetzt von Maitland, der unverschuldet von seiner Umwelt nicht mehr wahrgenommen wird – quasi ein Geist. Diese Idee kam mir zwischenzeitlich auch: Was, wenn Maitland beim Unfall gestorben ist und nur noch da so rumgeistert? Aber das würde dann nicht mit den physischen Schmerzen und den Verletzungen passen. Obwohl, da haben uns gewisse TV-Serien der 2000er auch was ganz anderes gelehrt. Egal, kleiner Spoiler: Maitland ist nicht tot.

Es verlangt jedoch viel Einlassungsvermögen vom Leser wirklich zu glauben, dass er, wenn er nicht alles daran setzte und sein Leben davon abhinge, er nicht Mittel und Wege fände, von der Insel zu fliehen. Bis einem dämmert – vielleicht will Maitland das auch gar nicht. Nicht äußerlich – aber innerlich. Schließlich erwartet ihn ein Job, der ihn so richtig befriedigt. Das tut seine Frau auch nicht, deswegen hat er eine Affäre. Beide Frauen wähnen ihn – voneinander ahnend – bei der jeweils anderen bzw. bei Terminen, weswegen niemand nach ihm sucht. Da das Ganze im Jahr 1973 spielt, hat auch niemand ein Handy dabei oder kann eine GPS-Ortung des Wagens vornehmen. „Betoninsel“ funktioniert deswegen auch nur in diesem historischen Kontext.

Als Maitland  schließlich nach etwa einem Drittel des nur 174 Seiten langen Romans bemerkt, dass er auf der „Insel“ nicht allein ist, bekommt der Roman eine krasse Wendung. Danach geht es nur noch nebensächlich mitschwingend ums Entkommen, sondern um Macht, Bedürfnisse und gesellschaftliche Konventionen. Ballard stellt seinem Protagonisten einen geistig behinderten ehemaligen Trapezkünstler und eine zwischen Ausreißer-Hippietum und Proto-Punk changierende Prostituierte zur Seite, die mit dem vom Entzündungsfieber fast wahnhaften Architekten ihre Spielchen treiben, um ihn aus ganz eigennützigen Gründen auf der Insel zu halten. Bis Maitland beschließt, den Spieß umzudrehen und dabei auch zu drastischen Mitteln greift.

In diesem Abschnitt dreht „Betoninsel“ erst richtig auf. Hier gibt’s Gesellschaftskritik in schönen kleinen Batzen verabreicht, fast sublim in ihrer Offensichtlichkeit. Bildung und Reichtum als Faktor, um Menschen gegeneinander auszuspielen, Hass gegen das Establishment, garniert mit sozialer Kälte und Unvermögen, jemandem etwas zu gönnen – das sind zeitlose Themen, die darin mitschwingen, die aber die Handlung an sich nur wenig vorantreiben. Ballard sagt „So ist es“ und wir müssen das so akzeptieren. Trotzdem will man als Leser den Figuren ständig zuschreien, warum sie sich so abwegig gebärden und ist fast empört, wie Ballard seinen Roman erzählt ohne sich zu fragen: „Will das der Leser auch so?“

Wikipedia meinte dazu: „In den 1970er Jahren suchte Ballard die Katastrophe in lokal begrenzten, urbanen Szenarien (…) Seine letzten Romane variierten das Thema der übersättigten Konsumgesellschaft, die in individuellen oder kollektiven Gewaltakten versucht, ihrer Starre zu entfliehen.“ Das trifft auf „Betoninsel“ auf jeden Fall zu.

Dieser Mangel an Gefälligkeitswillen ist bewundernswert, aber eben auch nur 174 Seiten lang aushaltbar. Über das Ende – ob es überhaupt eins gibt – will ich an dieser Stelle nichts weiter sagen. Ein bisschen Mysterium soll ja auch noch bleiben, falls jemand sich ob dieser Zeilen dazu inspiriert sieht, sich den Roman für 15 Euro als Taschenbuch selbst zu besorgen. Es lohnt, weil es fordert. Weil es dann doch Spaß macht, diese Schichten des Textes und seine Bedeutungshorizonte für sich selbst freizulegen.

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