Wenn der Kontext fehlt – Warum ich keine Perry Rhodan-Erstauflage lese

… und warum Band 2886 „Der Schwarze Sternensturm“ von Michael Marcus Thurner trotzdem großartig ist …

Ich gebe es zu – eigentlich wäre ich gerne Perry Rhodan-Leser. Sehr gerne sogar. Dass ich es nicht bin, liegt vor allem daran, das mir die Zeit fehlt. Bei allem, was ich sonst noch lesen möchte und muss, hat Perry Rhodan mit wöchentlich erscheinenden Romanen einfach keine Chance. Da sammelt sich dann schnell zuviel an, dass ich es  nie wieder aufholen könnte. Trotzdem ist da immer wieder dieser innere Drang: Als Heftromanleser aus Leidenschaft, selbst Heftromanautor für einen der größten Verlage, die das Format noch herausbringen, und als Liebhaber phantastischer Stoffe muss man den Klassiker Rhodan doch eigentlich mal in sein Leben integriert haben, denke ich und sage ich mir immer wieder. Das wird aber nicht klappen. Ich habe es schon ein, zweimal probiert, aber – wie gesagt – die Zeit fehlt und damit auch die Motivation, am Ball zu bleiben.

Ich habe es jetzt zumindest hinbekommen, eine der Mini-Serien, die ich bislang alle gekauft habe – aber eben noch nicht gelesen -, einmal aktuell zu verfolgen. „Terminus“ hat mir in diesem Jahr viel Spaß gemacht, es waren einige richtig tolle Romane dabei, mit anderen konnte ich nicht so viel anfangen, aber das ist bei jeder Serie so und völlig normal. Ich freue mich auch schon auf „Olymp“, die neue Mini-Serie, die ab Januar erscheint und die ich wieder mitverfolgen möchte. Auch die anderen Mini-Serien werde ich versuchen nachzuholen.

Toller Roman – Perry Rhodan Band 2886 – „Der Schwarze Sternensturm“ von Michael Marcus Thurner.
(c) Pabel Moewig-Verlag

Anlass für diesen kurzen Blog-Eintrag ist allerdings, dass ich eher nebenbei jetzt einen Perry Rhodan-Roman aus der Erstauflage gelesen habe, den mir ein Online-Versand als kostenloses Lese-Exemplar zu einer Bestellung beigelegt hatte. Es handelt sich um den Band 2886 – „Der Schwarze Sternensturm“ vom geschätzten Kollegen Michael Marcus Thurner. Das Heft lag bei mir herum, und über einen Zeitraum von mehreren Wochen las ich immer wieder ein Kapitel, bis ich heute damit fertig wurde. Und daran zeigt sich symptomatisch auch, warum ich einfach strukturell nicht in die Erstauflage einsteigen kann. Bei den erzählten Storys sind sicher viele absolut großartig – so auch in diesem Band. Aber ohne den Kontext, den ich für sie brauche, lassen sie mich leider sehr kalt.

Diese Erkenntnis möchte ist fast kommentarlos stehen lassen. Denn „Der Schwarze Sternensturm“ ist eigentlich ein richtig geiler Roman. Da werden schwarze Löcher an Bord eines gigantischen Raumschiffs als Waffen eingesetzt, fast zwei Drittel des Romans bestehen aus einer atemberaubenden Kampfhandlung auf einem 35.000-Mann-Schiff. Das Tempo, die Figuren, die emotionale Tiefe und die Sprache haben mir wunderbar gefallen. Aber – das sind Dinge, die für mich außerhalb des Perry-Kontextes funktioniert haben. Im ersten Drittel des Bandes, das die Story in der Gesamthandlung des Serie positioniert, werden Figuren und Aktionen beschrieben, die mir durch fehlende Kontext-Kenntnis nicht nur Stirnrunzeln beschert, sondern mich auch etwas ermüdet haben. Die regelmäßigen Leser brauchen das natürlich. Als Gelegenheitsleser kann ich damit aber wirklich wenig anfangen. Und da liegt für mich die Crux. Denn – dass ich nicht weiß, wie der Roman im Gesamtkontext der Serie zu werten ist, schmälert für mich nicht unwesentlich den Lesegenuss, auch wenn der Band an sich, wie im vorliegenden Fall, total super ist.

Deswegen bleibe ich gerne bei den Mini-Serien, deren Kontext ich mir meistens schnell erarbeiten kann oder in den Heften selbst treffend erklärt bekomme (Dazu hätte die Erstauflage gar keinen Platz). Die Mini-Serien sind für Menschen wie mich gemacht – die Interesse an Perry Rhodan, aber keine Lust, Zeit oder andere Gründe haben, sich mit der laufenden Serie, die sich Band 3000 nähert, zu befassen. Sorry, alter Weltraum-Knabe! Und danke noch einmal, Michael, für den tollen Roman!

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Teurer Spaß im Mittelmaß – „Pause“ bei YPS zum 5-jährigen Jubiläum der Neuauflage

Gedanken zur zeitweiligen (?) Einstellung des Gimmick-Magazins für Erwachsene

Für mich war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das vor fünf Jahren mit neuer – erwachsener – Ausrichtung erschienene YPS-Magazin wieder das Zeitliche segnet, und das, nachdem ich nur die ersten beiden Hefte gekauft hatte und den Rest nur über die magere Facebook-Präsenz (mit knapp 140.000 Followern aber gut besucht) des bei Egmont Ehapa erschienenen Wiederbelebungsversuchs verfolgte. Die beiden Review-Podcasts, die ich zu den beiden ersten Nummern aufgenommen habe, sind derzeit leider nicht mehr verfügbar, aber darin sprach ich unter anderem darüber, dass man den Spagat zwischen Retro-Anspruch und modernem Magazin leider sowohl im Layout als auch inhaltlich nicht so richtig gut hinbekommen hatte. Man wollte die Leser von einst da abholen, wo man sie verlassen hatte – und gleichzeitig dort einsetzen, wo sie sich heute befinden. Das mit zum Schluss 6,90 Euro recht teure Heft zielte damit auf kaufkräftiges Klientel ab.

Nun geht das Magazin mit Ausgabe 1282 bzw. 5/2017 in eine „kreative Pause“. Auf der Facebook-Seite von YPS liest sich das so:

Nach so viel Aufregung ist es nun an der Zeit für eine Pause. Die aktuelle Ausgabe wird vorerst die letzte der Kultzeitschrift sein: Gemeinsam mit Kaspar, Patsch und Willy gönne ich mir eine Auszeit. Diese Entscheidung fällt nicht leicht, da mir das Yps-Magazin mit seinen Comic-Abenteuern, den spannenden Berichten, nostalgischen Reportagen und natürlich auch den einzigartigen Gimmicks eine Herzensangelegenheit ist. Aber um es mit den Worten eines pinken Kollegen zu sagen: Heute ist nicht alle Tage; ich komm wieder, keine Frage!

Als ich das las, habe ich mir zum Abschluss noch einmal das aktuelle Heft geholt, um einen Vergleich zu bekommen. Was hatte sich seit dem Start-Heft vor fünf Jahren getan? Leider war bei der Lektüre und dem Gimmick schnell ersichtlich, warum YPS in der aktuellen Form schlussendlich gescheitert ist. Im Folgenden möchte ich das mal subjektiv darstellen.

1. Das Erscheinungsbild: Die Cover der Neuauflage waren mehr oder minder alle furchtbar. Oft waren sie natürlich zum Großteil durch das beigelegte Gimmick verdeckt, das ist aber keine Entschuldigung dafür, eine grottige Bildmontage als Alibi-Titelbild zusammenzuschustern. Gerade Ausgabe 1282 schießt mit seinem schlecht animierten „OH YEAH“-Neonreklame-Schriftzug den Vogel ab. Klar, es verweist auf das Interview mit der Musik-Legende „Yello“ im Heft, aber ansprechend ist das – insbesondere für Neukunden – überhaupt nicht.

Kein schönes Cover weit und breit… Auch das von Ausgabe 5/2017 war wirklich kein Hingucker.
(c) Egmont Ehapa Media / Facebook

2. Der Preis: 6,90 Euro – Alter Falter! Die YPS-Leser rechnen zum Teil gerne noch in D-Mark und wenn man sich überlegt, drei Heiermänner für den Inhalt hin legen zu müssen… Nee. Auch nicht für ein beiliegendes Spielzeug.

3. Katastrophaler Abo-Service: Viele wollten ein YPS-Abo. Viele haben es bestellt. Aber bei jeder Ausgabe – und in zunehmendem Maße – wurden bei Facebook Stimmen laut, dass das Heft entweder gar nicht oder nur mit gravierender Verspätung bei den Abo-Kunden ankam. Das schreckte viele Interessierte ab, sich langfristig an das Magazin zu binden. Und es war längst nicht überall im Handel erhältlich, gerade zu Beginn der Neuauflage von 2012. Das war schon ein richtiger Fehlstart – und das, obwohl man mit den Urzeitkrebsen ein echtes Highlight beigelegt hatte. Das bringt uns zu…

4. Die Gimmicks: Heft 1282 lag eine selbst zu bastelnde Boombox für das Smartphone bei. Die war nicht nur schwierig zu basteln (hier hat es sogar jemand gefilmt), sondern brachte im Falle meines iPhones auch null Verbesserung. Das ging nicht nur mir so. Ein teures, dysfunktionales Gimmick, das braucht keiner. Generell kamen gerade die Gimmicks sehr schlecht bei den YPS-Fans weg. Gleich mehrmals erschien die „Maschine, die viereckige Eier macht“, später brachte man immer mehr Kram, den man mit dem Erwachsenspielzeug „Smartphone“ verwenden musste – eine Papp-VR-Brille sowie Foto-Linsen für Bildspielereien oder ein Periskop, das nicht mal auf ein dickeres Smartphone mit Schutzhülle passte. Aber – diese Art von Spielzeug möchte der Leser von heute nicht haben. Klar, er will auch keine Fingerfallen oder Gummihände, die einem die Wand mit Fettflecken vollpatschen. Ich persönlich hätte mich über mehr wissenschaftlich angehauchten Gimmicks wie das Mikroskop und eben die Urzeitkrebse gefreut. Nerds und Geeks stehen darauf, damit etwas Neues zu entdecken. Kleine Experimentierdinge, z.B. die Samen für den Ostereierbaum, der Kristallbaum… Es hätte viele schöne Möglichkeiten – auch für Retro-Gimmicks – gegeben. Absolut verpasste Chance.

Blöd zu basteln, funktioniert nicht – die Boom-Box als (aller-)letztes Gimmick.
(c) Egmont Ehapa Media / Facebook

5. Heftinhalt – Der redaktionelle Teil: Die beiden folgenden Punkte kann ich aktuell nur an der letzten Ausgabe festmachen, aber ich erinnere mich noch gut an die ersten beiden Hefte. Leider hat man sich mit dem – sagen wir mal – großzügigen Design mit viel Platz zwischen einzelnen Bildern in den Sammel- und Promotionsbeiträgen keinen Gefallen getan. Ganze Seiten wirken da wie aufs Blatt geklebte Collagen. Die „Früher war alles besser“-Seite, auf der die YPS-Fans sich selber feiern, wirkte von Anfang an altbacken und unnötig, gleiches gilt für mich für die Vergleiche früherer Automodelle mit ihren heutigen Pendants. Eine Risszeichnung zu „Halo“? Okay, nette Idee, aber auch Werbung für ein Buch aus dem eigenen Verlag. Ein Beitrag über Instrumente im Selbstbau? – Komplizierte Anleitungen für Dinge, die nur mit einem Ergebnisbild illustriert werden, sind da völlig kontraproduktiv. Da fange ich gar nicht erst an zu basteln. Dazu großformatige Bilder aus „Tool Time“, die keinerlei Mehrwert bieten und nur Seiten füllen. Das ist wirklich mieses Seitendesign. Das „Yello“-Interview ist tatsächlich der interessanteste Artikel und hätte gerne noch mehr Seiten füllen dürfen. Interessante Persönlichkeit, passt zur YPS-Jugend und dem Zeitgeist. Dann aber schon wieder eine „Gestern & Heute“-Vergleichsseite, auf der man die Neuauflage von „Planet der Affen“ madig macht und – im Ernst? – noch einen Autovergleich einbaut? Die Beiträge über Musik bei Konsolenspielen und Trumpf-Quartette sind dann wieder – zumindest thematisch – ganz gut gelungen, aber oft nicht genug in die Tiefe recherchiert, um lange im Gedächtnis zu bleiben. Alles in allem ist das viel zu wenig, um den Kauf eines solchen Heftes wegen der Artikel zu rechtfertigen. Und das wäre mir wichtig gewesen. Als Kind war das Heft eher Beiblatt zum Spielzeug, bei der Neuauflage hätte es genau anders herum sein müssen.

6. Heftinhalt – Der Comic-Teil: Auch hier beziehe ich mich mal symptomatisch auf die letzte Ausgabe. Fast die Hälfte des Heftes machen die Comics aus – eine Mischung aus neuen Geschichten mit den klassischen YPS-Figuren und Klassikern aus alten Heften. Bei der neuen Geschichte überzeugt die Nacherzählung der Kubrick-„Shining“-Verfilmung nicht, ist nicht lustig und zudem furchtbar koloriert! Der Comic „Pif & Hercules“ zieht seinen Humor daraus, dass ständig jemand auf die Fresse kriegt – in der gebotenen Form nicht witzig. Die Klassiker „Wangaroo, das Dschungelkind“ und „Alix“ sind schon sehr aus der Mottenkiste, zudem ist die Abdruckqualität recht mies – das kann aber auch an dem Ausgangsmaterial liegen. Oft werden das Kopien gewesen sein und keine Originale. Diese Comics sind für mich leider nicht ansprechend genug, wegen ihnen YPS zu kaufen. Das waren sie aber auch schon früher nicht.

Weder originell noch witzig – die neuen YPS-Comics.
(c) Egmont Ehapa Media / Facebook

Fazit: YPS wollte sich neu erfinden, hat es versucht – und ist dann fünf Jahre fast nur auf der Stelle getreten, wenn ich den ersten Band der Neuauflage mit dem letzten vergleiche. Das ist fatal, denn zu verbessern hätte es in fünf Jahren viel gegeben. Und zwar die gesamte Idee betreffend. Dass der Retro-Faktor so lange gezogen hat, spricht auch für den Konsumenten, der sich natürlich bei Trends wie Retro-Gaming und mit entsprechenden Zeitschriften in seine Jugendzeit zurück sehnt. Nostalgie für Geeks, Nerds und Comic-Kinder der 70er und 80er ist ein großer Markt, das stimmt. YPS wollte ihn zu breit bedienen – und hat dabei leider auch noch den Faden verloren, den es nie wirklich hatte.

Eine Neubelebung der Neubelebung in 2018 darf nicht bedeuten, das, was man falsch gemacht hat, besser machen zu wollen. YPS muss anders werden – nämlich lesenswert, ohne das Gimmick. Und das Gimmick muss gar nicht unbedingt modern sein, sondern den kindlichen Forschergeist, der noch in den Fans von damals steckt, ansprechen. Gerne spielerisch, aber mit einem echten Mehrwert. Dadurch wird es automatisch „nützlich“, weil man damit selbst entdeckte Erfahrungen und Erinnerungen schafft. Dann darf YPS – bei meinetwegen halbjährlicher oder dreimonatiger Erscheinungsweise – damit die Redaktion genug Zeit zum Suchen guter Gimmicks und Schreiben guter Artikel hat – gerne auch 10 Euro kosten. Das wäre es mir wert. Egmont Ehapa – Ihr seid am Zug!

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Gelesen: „Belli, der Berliner“ von Jörg und Irina Pilawa

Pixie-Buch mit Gebäck-Protagonisten

In Spielzeug- und Buchläden werfe ich gerne mal einen Blick in die dort aufgestellten halbrunden Bassins mit Pixi-Büchern, wie sie der Carlsen-Verlag dort gerne platziert. Bei all den niedlichen Titeln sind dort auch immer wieder etwas bizarre Vertreter zu finden, und so staunte ich nicht schlecht, als ich kürzlich „Belli, der Berliner“ in die Finger bekam. Von der Idee ebenso verwirrt wie bezaubert, dass ein mit Marmelade gefülltes Siedegebäck die Hauptfigur sein sollte, überzeugte mich zudem die Tatsache, dass Laberaugust Jörg Pilawa samt Angetrauter die Autoren des Mini-Buches sein sollten. Flugs investierte ich die 0,95 Euro für die Anschaffung.

„Belli, der Berliner“ – Ein Pixi-Buch von Jörg und Irina Pilawa.
(c) Carlsen Verlag

Worum geht es nun? Belli, ein männlicher (!) Berliner, verliebt sich – noch auf dem Blech in der Bäckerei – in ein weibliches Milchbrötchen namens Milli. Dieses soll eigentlich aufgrund eines Mankos – es ist etwas angekohlt – aussortiert werden, aber der Bäckerlehrling Jan packt es in einem unaufmerksamen Moment doch in eine Verkaufstüte. Belli ist totunglücklich, muss aber nicht lange warten, bis auch er von einer jungen Frau aufgekauft und mit nach Hause genommen wird. Dort, in einem Brotkasten, wartet schon Milli auf ihn. Der Kunde, der das Milchbrötchen kaufte, ist zufällig der Mann der Frau, die Belli geshoppt hatte. So kommen die Liebenden doch noch zusammen – und bleiben aufgrund von Bellis Zuckerkuss, äh, Zuckerguss zusammen kleben, bis an ihr Lebensende.

Putzig, nicht? Einfache Story, der jedes Kleinkind folgen kann, das sich schon einmal mit der Personifizierung von Gebäck auseinander gesetzt hat. In Zeiten von Kinderwurst mit Gesicht drauf ist das nicht unverbreitet. Zudem wird hier nicht mit unterschwelligen Botschaften gegeizt. Ist das leicht verbrannte Milchbrötchen, das verschmäht wird, eine Anspielung auf die Ressentiments nationalistischer Zeitgenossen gegenüber Menschen mit dunklerer Hautfarbe? Ist der Zuckerguss, den Belli beim Anblick von Milli verliert, eine Anspielung auf sexuelle Erregung? Überhaupt knistert die Luft, wenn sich der Berliner-Mann mit der in Fett ausgebratenen, rauen Haut an dem leicht angedunkelten, bekanntlich weiblich-weichen Milchbrötchen reibt. Zudem sind die Alliterationen bei der Namensgebung geschickt gewählt. Belli mag zunächst als weiblicher Vorname anmuten, aber die Pilawas brechen mit diesem Klischee und ziehen es „A Boy named Sue“-like, durch, den Berliner jugendhaft männlich zu belassen.

Trotz der Einfachheit der Geschichte, haben es Jörg und Irina Pilawa nicht geschafft, den Plot eigenständig zu schmieden und haben sich Hilfe bei der Autorin Zoe Gless geholt. Malen kann von denen scheinbar keiner: Die schönen, wenn auch recht konventionellen Buntstift-Zeichnungen stammen von Sabine Legien. Ein paar weitere Handlungsplätze als die Backstube (6 Doppelseiten) und der Brotkasten (3 Doppelseiten) hätten es dann schon sein dürfen (2 Doppelseiten Übergang). Auch das Ende lässt Kinder sicher ratlos zurück: Entweder schimmelt das teigige Paar den Weg alles Irdischen oder wird alsbald verspeist – das Happy End trügt. Pädagogisch ist es immer schwierig, wenn Essen reden kann. Wenn mein Toast mich anquatscht, hat er in jedem Fall zu lange irgendwo gelegen – oder mir durch seine flauschigen Stellen Halluzinationen beschert.

So überzeugt „Belli, der Berliner“ trotz subtiler Interpretationsmöglichkeiten als Kinderbuch nicht ganz. Subversive Ansätze sind vorhanden, werden jedoch durch nicht durcherzählte und reichlich simple Motive – inhaltlich wie bildlich – im Keim erstickt. Aber: Ich hab jetzt Bock auf Krapfen, und das ist ja auch nicht das Schlechteste.

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Stephen Kings „ES“: Ein Erfolg mit Ansage

Gedanken zur Neuverfilmung von Andrés Muschietti

Kinoplakat von ES (2017)
(c) Warner Bros./New Line Cinema

Nur wenige Stunden, nachdem ich die Neuinterpretation von „ES“ im Kino sah, hatte ich in einem Facebook-Post geschrieben, dass der internationale Erfolg des Films ein „Erfolg mit Ansage“ sei. Viel ist darüber bereits geschrieben worden, und wer es nicht noch einmal – mit meinen eigenen Worten – lesen will, der darf an dieser Stelle gerne auch schon wieder aussteigen. Aber vielleicht sind da doch noch Gedanken dabei, die ihr selbst nicht hattet – falls ihr den Film bereits gesehen habt.

Warum das Ding meiner Ansicht nach so gut funktioniert, versuche ich in der Folge lose zusammenzufassen:

  1. Der Film erfüllt die an ihn gestellten Erwartungen mit einer bewundernswerten Vielseitigkeit auf mehreren Ebenen. Zum einen ist da natürlich der berühmte TV-Zweiteiler mit Tim Curry als Pennywise. Die Bilder dieser Verfilmung haben sich in das kollektive Popkultur-Gedächtnis einer gesamten Generation eingebrannt und natürlich will man sie, zumindest ansatzweise, auch in der Neuinterpretation sehen. Das gelingt dem Film bereits in der Eröffnung mit Szenen, die der TV-Verfilmung sehr ähnlich sind. Man holt den Zuschauer quasi genau da ab, wo er sich Zuhause fühlt.
  2. Das gilt auch für die Verlagerung der Handlung in der 1980er Jahre. Nicht nur, dass man damit einen aktuellen Trend bedient, der durch „Stranger Things“ angestoßen wurde und demnächst von Stephen Spielbergs Verfilmung von Ernest Clines Bestseller „Ready Player One“ noch einmal richtig zulegen wird (von den Nintento Retro-Mini-Konsolen, der Neuauflage des YPS-Heftes usw. mal ganz zu schweigen). Nein, man wählt hier sogar die Perspektive der Kids, die den „ES“-TV-Zweiteiler in jugendlichem Alter gesehen haben! Da ist es wieder, das Heimatgefühl, diesmal durch das Setting.
  3. Der Film formuliert Figuren gemäß seines Mediums um und hält sich nicht sklavisch ans Buch, hält aber trotzdem an wichtigen Eckpunkten fest. Die Literaturvorlage lebt von der Vielseitigkeit und den Hintergründen der Kinder- und Erwachsenenfiguren, die definieren, wovor sie sich fürchten und womit „ES“ ihnen Angst einjagen kann. Allerdings kann Regisseur Muschietti auch nicht drei Drei-Stunden-Filme aus dem Material machen, das gibt die Dramaturgie der Vorlage auch gar nicht her. Da ist die Wahl von zwei Filmen die deutlich bessere – und spiegelt auch wieder den TV-Zweiteiler wider.
  4. Das sensationelle Casting! Die Jungs sind super besetzt, der dicke Ben Henscom darf auch ein wirklich dicker Junge sein (Jeremy Ray Taylor). Beverly Marsh, unglaublich intensiv gespielt von Sophia Lillis, dürfte der Traum jedes pubertären Jungen der 80er gewesen sein. Bill Skarsgård als „ES“ nimmt nur wenige Elemente seines Vorgängers Curry in seine Performance mit auf und macht aus Pennywise dankenswerter Weise ein abstraktes Wesen und keinen reinen „bösen Clown“ – dazu ist das neuen „ES“ zu sehr von menschlichen Bewegungen entfernt.
  5. Noch einmal Erwartungen: Die Härte bzw. die Horror-Elemente. Die TV-Verfilmung war alles andere als hart, hat aber deswegen solche Angst gemacht, weil die Idee, dass das Böse sich immer den Weg sucht, wie es einem am Meisten Angst machen kann, wirklichen Terror in der Vorstellung von jungen Gemütern bedeutet. Der Nimbus, der diesen TV-Zweiteiler umgibt, ist absolut erstaunlich. Aber der moderne Zuschauer erwartet da etwas mehr – und bekommt es am Ende der Eröffnungssequenz das erste Mal präsentiert. Und da gibt es den geschickten Bruch mit dem Vertrauen, von dem ich weiter oben sprach. Auch wenn der Film ansonsten nicht sonderlich Splatter-Horror-lastig ist, schockt er an bestimmten Stellen absolut effizient. Das Paradebeispiel ist die Dia-Show, die durch den Hell-Dunkel-Wechsel und das Tempo unglaublich gut gelungen ist und selbst mir als geübtem Horror-Fan ordentlich Respekt eingeflößt hat – nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern wegen seiner effektiven Machart. Das ist wirklich großes Kino.
  6. Der Meta-Clou: „ES“ sucht die Stadt im Buch alle 27 Jahre heim. Vor 27 Jahren erschien auch die legendäre TV-Verfilmung von „ES“. Wie die Kinder, die sich im Buch nach 27 Jahren wieder treffen, trifft „ES“ nun auf die ersten, nachhaltig beeindruckten jungen Zuschauer von damals und konfrontiert sie mit ihren Ängsten – nämlich der Angst vor dem Film – erneut. Das ist so genial eingefädelt, dazu fehlen mir weitere Worte.

Dies Alles muss den Machern bewusst gewesen sein, aber es dürfte sie überraschen, WIE GUT ihre Ideen und die subtilen Dinge im Hintergrund dann doch funktioniert haben. Deswegen „Erfolg mit Ansage“ – Unter diesen Voraussetzungen konnte „ES“ gar nicht scheitern – und tut es zurecht nicht. Solange „STAR WARS“ im Dezember nicht mit etwas völlig Beeindruckendem aufwartet, dürfte „ES“ die Kinosensation 2017 bleiben. Und das, wie dargelegt, auf vielen Ebenen.

In unserem südemsländischen Provinzkino lief der Streifen am Eröffnungswochenende in zwei Sälen – und die waren jeweils bis auf den letzten Platz besetzt.
(Foto: Sascha Vennemann)

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Gedanken zur Stephen-King-Verfilmung „Der Dunkle Turm“

„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Rolvermann folgte ihm…“

So, frisch aus dem Kino wieder da, und hier meine – wie immer rein subjektive – Nachbetrachtung der lang erwarteten Verfilmung des achtbändigen Epos vom Meister King. Die schlechte Nachricht zuerst: Wer eine Literaturverfilmung des Ausgangsstoffes erwartet, wird komplett enttäuscht. Die Story des Films bedient sich diverser Elemente aus diversen Romanen, mixt diese munter durcheinander und bastelt so etwas wie einen reduzierten Sud aus verschiedenen, natürlich längst nicht allen Motiven, die es da so gibt. Dabei kommen natürlich andere Handlungen zusammen, als sie in den Büchern zu finden sind. Wer eine 1:1-Umsetzung möchte, muss weiter warten. Aber das war ja vorher bekannt und traf bei mir auch auf Verständnis und Wohlwollen.

Ist der Film trotzdem gut? Ja, ist er. Denn er greift bestimmte Motive und Spannungsbögen mehr oder minder behutsam auf und transportiert die Stimmungen für die Figuren (die wenigen, die vorkommen) und auch für das Setting von Mittwelt im Rahmen seiner knappen Möglichkeiten recht gut. Roland ist wortkarg, leicht gebrochen und akzeptiert seine Rolle nur widerwillig. Jake bekommt einen völlig anderen Background, der zwar simpler ist, für das durchgängige Vater-Sohn-Motiv jedoch wichtig und auch okay so. Auch dass man ihm eine Rolle zuspielt, die er in den Büchern nicht hat und somit als Repräsentant für viele andere Figuren endet, ist völlig in Ordnung. Von Mittwelt sieht man recht wenig, aber die futuristisch-postapokalyptische „Welt, die sich weitergedreht hat“ wird optisch gut umgesetzt (inklusive Western-Anleihen). Überhaupt die Effekte: Sehr respektabel, und ich finde, nicht übertrieben. Auch Rolands Fähigkeiten optisch sichtbar zu machen, klappt recht gut. Stichworte Patronen- und Magazinwechselspielereien sowie Querschläger. Zu viel Action? Mitnichten. Nichts davon ist unmotiviert, und zu viel ist es auch nicht, da optisch ansehnlich und gut in die Story integriert. „Der Dunkle Turm“ ist aber natürlich auch kein Charakter-Drama. Jake wird in den Mittelpunkt gestellt, Roland und Walter als sein Gegenspieler als klassischer Gut-gegen-Böse-Konflikt aufgebaut (was es, wenn man es herunter bricht, einfach ist, wenn auch eigentlich natürlich viel komplexer). Du suchst ein Ka-Tet? Haben wir nicht. Brauchen wir hier auch nicht. Vielleicht im nächsten Film, sollte es einen geben. Oy!

Das alles gelingt mit vielen kleinen Anspielungen (Die Zahl 19 ist natürlich prominent platziert, das Shining, Pennywise, die 1408 kommt vor, das Auge des Scharlachroten Königs, die Rose, die Arthus-Legende, Balkenbeben), die nur Eingeweihten auffallen. Darüber hinaus funktioniert der Film aber für jemanden, der die Bücher nicht kennt (meine Freundin) genauso gut wie für jemanden, der sie sehr gut kennt (das wäre dann ich).

Also, zusammengefasst: Nein, man muss die Bücher nicht kennen, um den Film zu verstehen. Das klappt ohne dieses Wissen gut, mit diesem Wissen bekommt man quasi Insider-Boni, die aber grundlegend nicht so wichtig wären, für die Geschichte, die der Film erzählt. Nein, sie folgt nicht den Büchern. Sie nimmt wirklich einzelne Handlungsideen aus den Romanen, dreht sie durch den Wolf, und mischt sie zu einer neuen Interpretation. Die funktioniert. Ohne Probleme, ausreichend komplex, optisch schön, kompakt und gut gespielt. Letzteres durchgängig, es gibt keine Totalausfälle (wie z.B. andere Rezensionen es Tom Taylor als Jake attestieren – Unverständlich!). Muss der Dark Tower-Fan den Film unbedingt sehen? Nein. Aber er macht sich auch nichts kaputt, wenn er es tut. Haltet den Film und die Bücher im Kopf weitgehend getrennt und ihr behaltet ein grandioses Buchepos im Kopf und bekommt einen überaus soliden Fantasy-Actionfilm auf die Augen.

Lange Tage und angenehme Nächte, euch allen.

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„Der Duschkopf aus der Hölle!“

Als ich mich unlängst wegen einer Familienfeier im schönen Artland aufhielt, übernachtete ich in einer Jugendherberge, die in der Tat auch Zweitbettzimmer mit angeschlossenem Bad bereitstellte. Was ich darin jedoch vorfand war…

„Der Duschkopf aus der Hölle!“

„Der Duschkopf aus der Hölle!“ (Foto: privat)

Nach einer semi-durchzechten Nacht sehnte ich mich nach dem kühlen Nass und wurde mit diesem Ungetüm an Wasserverteiler konfrontiert: Das Ding sieht nicht nur aus wie der Kopf eines Zahnarztbohrers, es verursacht auch vergleichbare Schmerzen! Selbst bei geringster Wasserzufuhr aus der Mischbatterie schoss es nur so unkontrolliert aus der tiefschwarzen und einem apokalyptischen Abgrund gleichen Öffnung heraus. Ich duschte somit nicht, ich wurde mit einem Wasserwerfer traktiert, dem die Intensität eines wenig zärtlichen Sandstrahlers inne wohnte. Dieses Werkzeug des Teufels kannte nur zwei Schaltoptionen: „Aus“ und „Bitte entferne sämtliche Hautschichten von meinem Körper“… Knapp dem Tod entronnen und merklich geschunden wickelte ich mich in mein Handtuch. Später fand ich noch kurz den Mut, ein Foto des Biestes anzufertigen. Hier ist es! Und so endet die Geschichte vom…

„Duschkopf aus der Hölle!“

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Gedanken zu Bov Bjergs Roman „Auerhaus“

Alle paar Monate braucht mein Gehirn eine Auszeit von der phantastischen Literatur, die ich so standardmäßig für Besprechungen lesen muss – und es auch immer noch gern tue. Die Abstände zwischen diesen benötigten Auszeiten werden jedoch kürzer und ich stelle eine wachsende Übersättigung fest. Wenn man jahrelang kaum etwas anderes konsumiert – oder eben aus beruflichen Gründen konsumieren muss – ist das wahrscheinlich kein Wunder. Umso mehr freut es mich, dass ich dann auf den Stapel ungelesener Gegenwartsliteratur zurückgreifen kann, der sich hier so angesammelt hat.

In den letzten Tagen habe ich also endlich „Auerhaus“ von Bov Bjerg gelesen, eine Geschichte über eine Jugendlichen-WG in Süddeutschland in den 1980ern, in der sich sechs Existenzen versammeln, die sich am Scheideweg befinden: Gibt es einen Platz für mich in der Gesellschaft, ergehe ich mich weiter in Rebellentum und wie komme ich mit der ländlichen Tristesse zurecht? – Ich mag den Stil sehr, total reduziert, ein schönes Stimmungs- und Zeitportrait. Allerdings ist der Roman und sind seine Figuren von einer so durchdringenden Ratlosigkeit und Traurigkeit durchzogen, dass man die Lektüre nicht unbedingt als spaßig beschreiben kann.

Bov Bjerg – Auerhaus
(c) Aufbau Verlag

Der Hintergrund der WG-Gründung trägt nicht unwesentlich dazu bei: Frieder, hochbegabter Abiturient und so etwas wie der beste Freund der Erzählfigur, versucht sich das Leben zu nehmen und soll auf Anraten der Therapeuten nicht mehr auf dem elterlichen Bauernhof leben. Sein Opa hat der Familie ein Haus vermacht, in das Frieder, der Erzähler sowie dessen Freundin Vera einziehen, später kommen noch ein Mädchen aus gutem Elternhaus, eine Bekannte aus der Klapse (Stimmen hörende Pyromanin) und ein mit Gras dealender Auszubildender hinzu. Sie alle sollen auf Frieder aufpassen, da niemand wissen kann – auch er selbst nicht – wann seine Depression wieder so schlimme Züge annimmt, dass er erneut probieren wird, sich umzubringen.

Eher lakonisch werden Themen wie Musterung, Abschlussprüfungen und Großstadtsehnsucht abgehandelt. Tenor soll wohl sein: „Zusammen ist man weniger allein“. Ein Satz, den der Roman in jedem Kapitel als floskelhafte Lüge entlarvt. Und auch wenn einige Situationen etwas bemüht wirken, um bestimmte „Coming of Age“-Momente zu reflektieren, ist die grundsätzliche Stimmung glaube ich jedem bekannt, der mal in ähnlichen Verhältnissen gelebt und ähnliche Gedanken gedacht hat.

Das macht es nicht leichter – ganz im Gegenteil. Was ich vom „Auerhaus“ (eine Verballhornung vom Titel des Songs „Our House“ von „Madness“) mitnehme ist, glücklich zu sein, dass mich die damalige spätpubertäre Stimmung nicht dermaßen mit dem Vorschlaghammer erwischt hat, wie andere Menschen es erlebt haben müssen.
Fazit: „Hurra, ich lebe noch!“

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