Tagebuch eines Spiegelbildes

Zu Stephan R. Bellems Live-Biographie „Ü30 – Und immer noch Pickel“

Cover "Stephan R. Bellem - Ü30 - Und immer noch Pickel"

Der 24. April 2012 ist ein seltsamer Tag, an dem gleich drei Dinge geschahen, die für mich als Autor und Leser relevant sind: Erstens ist mein neuester Maddrax-Roman (Band 320 – „Die Schlacht von Dapur“, zusammen mit Christian Schwarz) erschienen. Zweitens wurde der von mir schon sehnlichst erwartete neue „Schwarze Turm“-Roman von Stephen King, „The wind through the keyhole“ veröffentlicht, und ich bin dank einer Facebook-Aktion auf dem Mosaik-Cover der englischen Hardcoverausgabe zu finden. Drittens, und darum geht es hier, erscheint der erste Teil des neuen Buches von Stephan R. Bellem. Eine Live-Biographie, die sich noch bis September 2012 alle paar Wochen erweitern wird und deren Updates die Käufer des nur als Ebook erhältlichen Textes kostenlos immer wieder nachgeliefert bekommen. Das bisherige Fragment umfasst die Monate September 2011 bis ca. Februar 2012. Und in vielerlei Hinsicht ist es spannender als jeder Roman es sein könnte. Denn das hier, das ist die Realität.

Ich kenne Stephan R. Bellem, seit dem er Bücher veröffentlicht. Als ich 2006 im Bielefelder TIPS-Verlag und dort vor allem in der Redaktion des Stadtmagazins BIELEFELDER ein mehrmonatiges Praktikum machte, legte mir der Chefredakteur zur Rezension ein Buch namens „Tharador – Die Chroniken des Paladins“ auf den Tisch, da er wusste, dass ich mich für Fantasy interessierte. Der damals noch nicht bei Ueberreuter angeschlossene und heutzutage nicht mal mehr als Label fungierende österreichische „Otherworld“-Verlag unter der Regie von Michael Krug versorgte die Redaktion damals regelmäßig mit Rezensionsexemplaren. Also las ich das Buch. Und auch alle anderen von Stephan R. Bellem, die folgen sollten. Ich besprach „Tharador“ in BIELEFELDER, weitere Bücher beim „Geisterspiegel“, die aktuellsten im „VIRUS“-Magazine. Wir lernten uns kennen, auf der Leipziger Buchmesse, wir mailen, wir haben Kontakt bei Facebook. Und ich habe immer zugegebenermaßen etwas bewundernd zu ihm aufgesehen. Denn während ich – zwar regelmäßig und mit großer Freude – Romane für den phantastischen Heftbereich schrieb, brachte Stephan richtige Taschenbücher in einem großen Verlag heraus. Das war schon eine Stufe „etablierter“. Er hatte eine Agentur und richtige Verträge mit Laufzeiten über Monate und wurde nicht – wie ich – nur für einen komplett fertigen Text bezahlt. Das war etwas, womit er mir ein bisschen auch als Vorbild – und auch als Spiegelbild – dienen konnte.

Stephan R. Bellem ist – wie ich – Jahrgang 1981, er hat – wie ich – Soziologie studiert und er schreibt – wie ich – phantastische Geschichten. Das sind drei wesentliche Dinge, die mich zum perfekten Zielpublikum für seine nun erschienene Live-Biographie machen. Hier schreibt Stephan mit einer schonungslosen, zum Teil beschämenden, selten witzigen, lächerlichen und sympathischen Ehrlichkeit (ja, das mag auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, aber es ist so) über die ersten Monate seines Ü30-Daseins. Und macht sich damit (wie er wiederholt im Text selbst betont) nicht zu einem Helden, wenn er sich auch selbst darstellt. Nackt, auf dem Klo sitzend, Seelenstriptease, dass es fast wehtut und dass man sich unwillkürlich fragt: „Muss das sein?“ Nein, muss es nicht. Aber es ist in Ordnung, und ich werde es lesen, auch wenn es mir Angst macht und mich im gleichen Augenblick besser fühlen lässt. Das ist gemein, aber da ist jemand, der ist so ähnlich wie ich, aber auch irgendwie nicht, und dem geht es offenbar richtig mies. Und zwar so richtig, wenn ich das von meinem persönlichen Standpunkt aus beurteile.

Während ich gefühlt in der leider immer noch nicht so richtig gesellschaftlich angesehenen Heftroman-Autoren-Ecke herumdümple, die als nicht so richtig gut bezahlt gilt und schon gar nicht mit viel Prestige aufwarten kann, dachte ich mir: „Der Bellem, der hat es eigentlich ganz gut mit seiner Taschenbuch-Position!“ Weit gefehlt. Denn der Abgrund, der sich unter dem vermeintlich erfolgreichen Autor auftut, ist gewaltig. 90.000 Euro Schulden aus Studienkrediten und BAföG, ein herzkranker Hund, eine Freundin, die für ein Jahr ins Ausland geht und sich später entschließt, bei ihrer Rückkehr eine eigene Wohnung zu beziehen. Selbsthass, Depressionen, Unsicherheiten, verstörende Amtsgänge. Hartz 4 und Privatinsolvenz. Kurz: Ein großer Haufen Scheiße, auf den der Teufel ja bekanntlich besonders gerne noch einen draufsetzt.

Und plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich mein ehemals gedachtes Spiegelbild gar nicht mehr betrachten möchte. Ich habe keine Schulden, keine Depressionen, kein krankes Haustier, im Moment keine Freundin, die sich von mir trennen könnte. Ich habe wenig bis kein Geld, verdiene nicht genug mit meiner Arbeit, bin aber auch nicht so verbissen dabei, um jeden Preis Autor zu sein. Hier muss ich den Kopf schütteln. Studienkredite außer dem BAföG kamen für mich nie in Frage, ich arbeitete und arbeite nebenbei, im Einzelhandel, bei einer Umzugsfirma, selbstständig als Journalist, Lektor und Korrektor. Knietief im Dispo, aber nie Vierstellig.

„Ü30“ ist ein unglaublich zweischneidiges Schwert. Es ist sehr mutig, so offen und ehrlich über das Scheitern zu sprechen, über ein Scheitern in beinahe allen Lebensbelangen. Es wirkt manchmal etwas überzogen, sich auf diese Weise selbst anzuprangern, darzustellen und zu präsentieren. Nach dem Motto: „Schaut mich an! Ich bin eine arme Sau!“. Klappt aber ganz gut, und als Leser ist man auch immer gerne Voyeur und schaut, was als Nächstes passiert. Soviel zur Leserbindung. Aber es klingt oft auch so, dass sich der Autor gerne selbst reden hört, ja, es regelrecht provoziert, sich angreifbar für Kritik zu machen, eitel Aufmerksamkeit zu erheischen und sich rechtfertigen zu müssen, vor allem vor sich selbst.
Ist das Verwerflich? – Vielleicht.
Ist das unterhaltsam? – Bedingt.
Ist das mutig? – Ja.
Ist es dumm? – Ja, auch das.

Gerade die Position „Ich kann und ich will nichts anderes als Schreiben!“ ist schwierig. Mit abgeschlossener Banklehre und zahllosen anderen Möglichkeiten, irgendwelche Jobs zu machen, wirkt das Beantragen von Hartz 4, um im Schonfrist-Jahr noch einmal die Kurve zu kriegen, schon etwas krass. Ich sehe es ja an mir. Ich schrecke nicht vor körperlich harter Arbeit zurück, habe manchmal sogar den Eindruck, ich brauche das, um den Kopf freizukriegen. Als Ausgleich zum am PC  sitzen und nur mit dem Kopf und seiner Phantasie arbeiten. Und natürlich brauche ich das Geld. Das mehr als alles andere. Hier endet für mich auch das Verständnis für mein – jetzt muss ich es klar so formulieren – EHEMALIGES Vorbild. Es wäre mir nie möglich gewesen, so viele Schulden zu machen. Ich habe keine Gläubiger, die so viel Geld zur Verfügung gehabt hätten. Ich habe zum Glück Eltern, die mich wenn Not am Mann ist, mit Zähneknirschen unterstützen können und dies auch tun, wofür ich ihnen unendlich dankbar bin. Aber zur Not greife ich auch in die Scheiße und putze zehn Stunden täglich Bahnhofstoiletten, bevor ich mich in die Gefahr einer Privatinsolvenz begebe. Das ist für mich ein Albtraum, der sicherlich zu meistern ist, mich aber sehr angreifen würde.

Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen wie Stephan in die Lage geraten ist, in der er steckt. Ich lese seine Bücher gerne, auch wenn seine Verkäufe nicht berauschend sind. Ich unterstütze ihn nach Kräften mit Rezensionen und Empfehlungen. Ich bin gerne kollegial mit ihm befreundet und wechsle private Worte mit ihm. Das haben wir in der Vergangenheit getan und werden es wieder tun, da bin ich mir sicher. Ob er sich mit „Ü30“ einen Gefallen getan hat, das bleibt abzuwarten. Es ist ein Schritt, aber ob es der rettende ist oder der, der einem das Genick bricht … Schwer zu sagen. Und auch wenn er darauf hofft, dass sein Buch den ihm eigenen Humor transportiert, so tut es das nur bedingt. Ein amüsanter Fatalismus klingt anders. So muss selbst ich meinem Spiegelbild kopfschüttelnd zusehen, mit einer Mischung aus traurig gemurmeltem „Du armer, armer Junge!“, über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen „Wie hat man das nicht kommen sehen oder verdrängen können?“ und einem stoischen „Bist du vielleicht selber Schuld?“. Und der erschreckenden Erkenntnis, dass man eigentlich nicht so sein möchte, es aber vielleicht in Teilen schon ist.

Ich mag Stephan, trotz allem. Ich wünsche ihm alles Gute und werde „Ü30“ lesen. Ihm und mir zuliebe. Könnt ihr auch tun, für nicht einmal 4 Euro als Ebook. Ich kann euch aber nicht versprechen, dass ihr euch danach nicht fühlt, wie jemand, der einem Bettler ein paar Groschen in den Hut wirft. Diese Mischung aus Hilflosigkeit, Mitleid und Wut ist schwer zu beschreiben. Mir persönlich bleibt die Gewissheit, dass auch wenn bei mir nicht immer alles rund läuft, ich noch ziemlich gut dran bin. Auch wenn ich diese Erkenntnis ehrlich gesagt lieber auf einem anderen Wege erlangt hätte …

„Stephan R. Bellem – Ü30 und immer noch Pickel“ (mKrug Verlag) für Kindle– Bei Amazon für 3,99 Euro.

© Sascha Vennemann, 25.04.2012

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