Tagebuch eines Spiegelbildes III – Umbrüche, Abschiede und Neuanfänge

Über ein halbes Jahr ist es her, dass ich zuletzt über Stephan R. Bellems Live-Biographie „Ü30 – Und immer noch Pickel“ geschrieben habe. Inzwischen sind zwei weitere Updates zu diesem waghalsigen Projekt online gegangen und bevor sich wieder andere Lektüren in meinen Lese-Alltag schleichen, möchte ich doch noch ein paar abschließende Wort über dieses nunmehr abgeschlossene eBook verlieren. Zur Erinnerung kann man sich hier noch einmal den ersten Teil und hier den zweiten Teil meiner Anmerkungen durchlesen.

Das zweite Update erreichte mich im August. Rückblickend erinnere ich mich, das Update, in dem es um Sport, Umzüge und Bewerbungen ging, ein wenig zwischen Tür und Angel gelesen zu haben, denn ich war mit dem Kopf woanders, nämlich bei der Vorbereitung und den Proben des Theaterstücks, bei dem ich im September ca. drei Wochen lang die Hauptrolle gespielt habe. Nichtsdestotrotz habe ich einige Dinge in diesem Textstück wiedererkannt, die auch ich so erlebt habe.

Zum einen sind da die Gedanken über Sport. Die Feststellung, dass Muskeln tatsächlich elementar dazu beitragen, Fett zu verbrennen, kam mir so richtig das erste Mal, als ich für etwa ein Jahr drei Mal die Woche für mehrere Stunden im Einzelhandel arbeitete. Es war nur ein Nebenjob, der zuletzt etwas Überhand nahm, aber ich musste mich während dieser 15 bis 20 Stunden pro Woche so viel bewegen, dass ich über 10 Kilo abnahm und Muskelmasse aufbaute, während ich gleichzeitig mit Trennkost experimentierte. Als ich den Job aufgab und in der Folge wieder Gewicht zulegte (auch, weil ich die Trennkost-Sache nicht durchzog), versuchte ich einen Mittelweg zu finden, der zuerst einmal darin bestand, meine Ernährung wieder etwas umzustellen. So doof es klingen mag, aber wenn man sich tatsächlich mal die Kalorienangaben von dem Zeug durchliest, das man tagtäglich in sich reinstopft, bekommt man ziemlich schnell ein Gefühl dafür, was man davon besser weglässt. Seitdem vermeide ich Kohlenhydrate – insbesondere Nudeln – nach dem Mittagessen und versuche einen Überblick über die täglichen Kalorien zu behalten. Und was soll ich sagen? Es funktioniert. Ohne – und das war mir sehr wichtig – dass ich mich eingeschränkt oder unwohl fühle. Was mich auf die Idee bringt, dass dies vielleicht ein Erkenntnisprozess ist, den man als Mann um die Dreißig vielleicht einfach durchmacht.

Der Hauch des Aufbruchs ist im zweiten Update überall zu spüren. Eine neue Beziehung, Bewerbungen und der Versuch, alles dafür vorzubereiten, endlich irgendwo anzukommen, sind deutliche Motive, ohne ins Jammernde abzurutschen, was noch ein wenig die ersten Passagen von „Ü30“ prägte und mich am Anfang an der Sinnhaftigkeit einer Live-Biographie zweifeln ließen. Doch inzwischen wird mir klar: Es ist eigentlich wenig mehr als ein literarisch locker zusammengefasstes Tagebuch. Ein sehr persönlicher Blog als zusammenhängender, in einen Sinnzusammenhang gebrachter Text. Und dass Bellem vor allem für sich selber, nicht unbedingt für den Leser schreibt, obwohl im bewusst ist, das man mitliest, wie er immer wieder selber feststellt. Stellvertretend dafür folgendes Zitat:

 „Ich habe ja einen Hang zur Theatralik. Schon immer gehabt und pflege ihn auch zuweilen ganz gerne.“

Spätestens als Stephan sich aus beruflichen Gründen von seinem Hund trennen muss – das erste Mal, weswegen ich das so formuliere, zeigt sich später – hat mich der Autor an den Testikeln. Als Haustierbesitzer, der in seinen beiden Fellbällen weit mehr sieht als bloße Mitbewohner, verdränge ich den Gedanken weitgehend, mich eines Tages von ihnen verabschieden zu müssen. Das mag für manchen Menschen, der mit Tieren nichts am Hut hat, unverständlich sein – für die, denen es ebenso geht, aber umso ergreifender (ein Adjektiv, das hier wirklich passt wie die Faust aufs Auge). Das sage ich ganz bewusst so, denn ich glaube durchaus, dass es Menschen gibt, denen es gelinde gesagt am Arsch vorbeigeht, was man in seinen „Kötern“ und „Dreckskatzen“ sieht. Nur sind das keine Menschen, mit denen man sich umgeben möchte. Punkt.

Zwei Monate ziehen ins Land, bis mich im Oktober das letzte Update erreicht und wohl etwas länger im Prozess der Veröffentlichung festgehangen hat, da es erst in letzter Zeit in die Verkaufsvariante von „Ü30“ Einzug gehalten hat. Ein bisschen traurig bin ich schon, dass es nicht weitergeht, aber ich habe ja den Vorteil, den Autor persönlich zu kennen und da sicher das ein oder andere zu erfahren, wenn wir uns auf Messen mal wieder begegnen.

Alles in allem gibt es einen recht versöhnlichen Abschluss mit dem ersten Ü30-Jahr. Auf den ersten Blick. Unterschwellig (und das ist einerseits sehr witzig, weil es die ein oder andere zündende Pointe herauslockt, andererseits aber auch ein wenig traurig, da es von aufgegebenen Träumen zeugt) liest man doch eine gewisse Verbitterung heraus, wenn Bellem davon berichtet, dass er das Gitarre lernen aufgibt und zum Autor-Sein für ihn auch unbedingt dazu gehört, gelesen zu werden. Kein Neuanfang ohne Opfer, so könnte das Fazit lauten. Und auch die Gesellschaft kriegt einen drauf. Zurecht, ziehe ich doch ebenfalls seit Jahren für mehr Medienkompetenz und gegen „Scripted Reality“ ins Feld. Das verblödet nicht nur die, die nicht gelernt haben zwischen Fiktion und Wahrheit zu unterscheiden – es ist schicht und ergreifend auch kein Stück unterhaltsam. Auch „Ü30“ ist ein gutes Beispiel dafür zu erkennen, dass es keine objektive Beschreibung der Realität ist. Bellem wählt aus, glättet, beschönigt oder dramatisiert vielleicht. Nicht, weil das sein Plan ist, sondern weil das einfach so passiert, ohne dass man etwas dagegen tun kann.

Nach einem Fazit, in dem für mich ein bisschen das steht, was ich in meinen drei Begleitbeiträgen schon zusammengefasst habe (und was mich freut, weil ich damit nicht so falsch gelegen haben kann), gibt es noch mal einen Schlag mit der emotionalen Keule, als ein weiterer Abschied ansteht. Wer weiter oben aufgepasst hat, kann sich denken, worum es geht. Und so kommt noch einmal alles zusammen: Höhen und Tiefen eines Lebensjahres, das viel an Veränderung brachte. Ein Umbruch, von einer eigenen imaginären Kamera begleitet. Natürlich gefiltert durch die Selbstdarstellung. Unterhaltend und mutig, selbstverliebt und dumm. Wie Menschen nun mal sind.

Es war interessant zu beobachten, was mit dem Menschen Stephan Bellem in einem Jahr aus seiner eigenen Sicht heraus passiert ist. Noch interessanter allerdings ist, sich selbst damit zu vergleichen – und das in einer ähnlichen Situation. Dazu habe ich ja bereits im ersten Blogtext zu „Ü30“ etwas geschrieben. Gewisse Dynamiken scheinen eine Allgemeingültigkeit zu haben, die losgelöst von der eigenen Biographie immer wieder im Leben eines noch relativ jungen Menschen in der Findungsphase ablaufen. Das begegnet mir in letzter Zeit häufiger, u.a. auch beim Kollegen Kowalski vom Bastard-Podcast. Danke für die Einblicke und die spannende, persönliche Lektüre.

“Ü30 – Und immer noch Pickel“ ist jetzt vollständig und weiterhin hier bei Amazon.de erhältlich. (Affilliate Link)

Das letzte Wort hat Stephan R. Bellem selbst, denn es passt so schön:

„Ich war, bin und werde für alle Zeit Schriftsteller sein.
Ich bin glücklich, denn ich bin frei.“



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