Doppelseitige Anzeige für Evangelisten in Göttinger Stadtmagazin „trends & fun“

Ich halte mich für einen toleranten Menschen, auch und insbesondere, was Religiosität angeht. Doch in letzter Zeit mache ich mir zunehmend Sorgen über die Evangelisten. Diese ultrakonservativen Christen, welche die Bibel wörtlich nehmen, habe ich persönlich als äußert vereinnahmend und intolerant gegenüber Andersgläubigen kennengelernt, als ich einmal einen Abend bei einer solchen Gruppe verbringen durfte. In Gesprächen zeigten sie sich ebenso abweisend und radikal, schimpften mich als Jünger des Teufels, weil ich es auch nur wagte, andere als ihre Ansichten als Glaubensgrundlage in Betracht zu ziehen. Es war schlichtweg beängstigend, mit welchem Fanatismus und unverhohlener Abwertung mir begegnet wurde. Ich bin geneigt zu sagen: Schön und gut, solange diese Menschen unter sich bleiben und nicht versuchen, anderen Menschen einzureden, sie wären minderwertig. Doch das reichte diesen Evangelikalen nicht. Sie missionieren mit dem Hervorrufen eines schlechten Gewissens und Propaganda, dagegen sind die „Wachtürme“ der Zeugen Jehovas unverbindliche Glaubensempfehlungen. Dabei beziehe ich mich auf meine persönlichen Erfahrungen mit einer einzelnen „Jesus Only“-Gruppe im lokalen Göttinger Kontext und möchte nicht verallgemeinern.

Jüngst ereignete sich aber ein Vorfall, bei dem ich mich fragen muss, wie wenig Taktgefühl und Weitsicht man in einer Magazin-Redaktion beweisen kann. In der April-Ausgabe 2013 des Göttinger Stadtmagazin „trends & fun“ findet man auf den Seiten 20 und 21 eine doppelseitige Anzeige des Missionswerks Bruderhand. Nur die kleine Überschrift „Anzeige“ gibt zu erkennen, worum es sich hierbei handelt. Aufgemacht ist die zweiseitige Abhandlung wie ein redaktioneller Artikel, geschrieben von einem Manfred Röseler, seines Zeichens stellvertretender Missionsleiter der Organisation. Inhaltlich weicht man nicht weit von dem ab, was Evangelisten normalerweise zu predigen pflegen: „Richte dein Leben nach Gott und Jesus aus, dann wird alles gut. Wenn du Erfüllung in deiner Arbeit, deinem Vermögen oder deiner Liebe zu einem Menschen findest, wirst du sie zwangsläufig irgendwann verlieren.“ Starker Tobak, aber nicht neu. Garniert wird das Ganze mit Links zur Homepage von „Jesus Only“ – einer ebenso radikalen Bewegung, die u.a. gegen Homosexuelle wettert – und einem Gutschein für ein Buch.

Seite 20/21 - Doppelseitige Religiöse Propaganda. Oben links der minimale Hinwesie auf eine Anzeige.

Seite 20/21 – Doppelseitige Religiöse Propaganda. Oben links der minimale Hinweis auf eine Anzeige.

Stadtmagazine leben von Anzeigen. Ich kenne das, habe einmal ein halbes Jahr lang in einem Verlag gearbeitet, der eine solche Publikation herausbringt. Auch Promotion-Artikel, halb Werbung, halb Information, sind dort an der Tagesordnung. Was allerdings die Anzeigenabteilung von „trends & fun“ dazu bewogen hat, diese Doppelseite einem konservativen, christlichen Verein zur Verfügung zu stellen, ist äußert zweifelhaft. Ganz sicher ist eine Menge Geld geflossen. Das wäre soweit auch in Ordnung. Das Problem dabei ist, dass „trends & fun“ diese Anzeige unkommentiert lässt und es durch das Layout zulässt, dass man es mit einem redaktionellen Artikel verwechselt. Anzeigen für religiöse Gemeinschaften, insbesondere in dieser Größenordnung, haben in einem Magazin, dessen Veranstaltungshinweise nach Meinung vom Missionswerk Bruderhand wohl allesamt direkt dazu führen müssen, bei einem Besuch solcher Events zur Hölle zu fahren, nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Das ist nicht der richtige Rahmen, hinterlässt mehr als nur einen bitteren Nachgeschmack und weicht die Grenze dessen, was Stadtmagazine für Geld zu tun oder zuzulassen bereit sind, sehr deutlich auf. Oder hat man sich am Ende gar bewusst dafür entschieden, diese Anzeige ins Heft aufzunehmen? Dann sollte man sich fragen, was das über das Stadtmagazin an sich aussagt und ob man bereit ist, diesem noch weiter Beachtung zu schenken.

Anbei findet ihr den Link zu der besagten Ausgabe. Die Anzeige findet ihr auf Seite 20/21. Sobald wie möglich werde ich versuchen, mit der Redaktion von „trends & fun“ in Verbindung zu treten und mal nachzuhorchen, wie man dort zu dieser Anzeige und dem Eindruck, den sie erweckt, steht. Wer wie ich bei der ganzen Sache ein mehr als komisches Gefühl hat, ist dazu aufgerufen, das Gleiche zu tun. Wem ähnliche Fälle aus ähnlichen Magazinen/Zeitschriften/Zeitungen bekannt sind, darf mich darüber gerne in Kenntnis setzen.

Ich bin wirklich schockiert, dass eine solche Anzeige für eine konservative, teils radikale religiöse Gruppe, in dieser Aufmachung und Größe, in einem Stadtmagazin veröffentlicht wurde. Ein solches Heft sollte allein über die lokalen Termine, Stadt, Menschen, Kultur und ansässige Geschäfte informieren. Religiöse Ansichten oder gar Glaubens-Propaganda sind dort eindeutig am falschen Ort. Hoffen wir, dass es sich dabei nur um einen redaktionellen Aussetzer und nicht um einen gewollten Schritt handelt.

APRILAUSGABE TRENDS & FUN : http://www.trends-fun.de/tuf/
(Stand: 19.April 2013)

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3 Antworten zu Doppelseitige Anzeige für Evangelisten in Göttinger Stadtmagazin „trends & fun“

  1. Pingback: Evangelikale Anzeige in Göttinger Stadtmagazin – Stellungnahme des Verlags | Cpt. Starbucks

  2. Pingback: Diskriminierung im kirchlichen Arbeitsrecht oder: “Bei uns putzen nur Christen!” | Cpt. Starbucks

  3. Lars schreibt:

    Da nur du diese Erfahrungen mit den Christen gemacht hast, können wir wohl schlecht einfach deine Meinung einfach so übernehmen. Da muss jeder selbst Erfahrungen machen.

    Ich habe Christen bisher so empfunden wofür sie auch stehen , nämlich für Liebe.
    Dass die Liebe nicht immer alles akzeptiert ist auch klar, denn wie kann das Gute das Böse tolerieren? Das geht eben nicht, ist ja auch klar und wäre auch sehr schlimm.

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