MADDRAX-Adventskalender 2016 – Türchen 6

Mordpol

Ein MADDRAX-Weihnachtsroman in 24 Teilen

Der MADDRAX-Adventskalender - Jeden Tag ein weiteres Kapitel! (c) Bastei Verlag

Der MADDRAX-Adventskalender – Jeden Tag ein weiteres Kapitel!
(c) Bastei Verlag

6. Kapitel

Guten Morgen, liebe Kinder! Na, seid ihr alle eine Stunde eher aufgestanden, weil ihr gehofft habt, der Nikolaus hätte euch was in die Stiefel gesteckt?

Echt? Glaubt ihr auch andere Märchen?

Okay, dann lassen wir Matt und Aruula einen Tag länger dort schmoren, wo sie gestern schon waren. Zieht eure Schuhe an und kommt mit – wir machen mal kurz einen Ausflug zum Kratersee!

  1. Dezember 2520, spät nachts

„Morgen kommt der Nikolaus“, sagte Lynne Crow.

Professor Dr. Jacob Smythe stand vor dem Eingang seiner Wohnhöhle, in der die Daa’muren ihn und General Crows Tochter gefangen hielten, vom Feuer beschienen, den Blick zu den Sternen erhoben. Ufergesträuch raschelte im Wind, und aus der Ferne scholl das Heulen wilder Lupas.

„Was redest du da?“, blaffte er, ohne sich zu Lynne umzudrehen. Seine Stimme klang ärgerlich, grob und unleidlich.

Hätte er geahnt, dass der gute alte Weihnachtsmann unter dem Einfluss eines Kometenkristalls zum grausamen Santa Graus mutiert war und seine beiden Erzfeinde Matthew Drax und Aruula drauf und dran waren, am Nordpol ihr Leben zu lassen – er hätte vermutlich glücklich und zufrieden geklungen. So aber…

„Du glaubst doch nicht etwa an diesen Scheiß?“

„An irgendwas muss der Mensch glauben“, erwiderte Lynne Crow. Etwas klingelte leise.

Smythe fuhr herum. Seine ohnehin zu großen Augen quollen noch weiter hervor. „Was, zur Hölle, machst du da?“

„Ich dekoriere, Jake! Weihnachten steht praktisch vor der Tür, da soll unser Heim schön gemütlich werden.“ Lynne hielt Lametta-Ersatz aus Seetang hoch. „Ist doch hübsch, oder?“

„Festgezurrt um deinen Hals würde es mir besser gefallen“, brummte Smythe. Sein Frust kam nicht von ungefähr: Lynnes ehemals schillernde Persönlichkeit war durch den Daueraufenthalt am Kratersee ziemlich verwässert. Außerdem hatte sie zugenommen.

Vom Vamp zur kleinen Hausfrau!, dachte Smythe bitter. Es ist eine gottverdammte Ungerechtigkeit! Drax rennt mit einem heißen Feger durch die Gegend, und ich hab diese durchgedrehte Mogelpackung am Hals!

Angewidert sah er zu, wie Lynne einen Baum schmückte, den die Daa’muren neulich angeschleppt hatten. Es war eine alte Kristallpalme, aus Tausenden hauchdünner Scheiben gefertigt. Sie klirrten leise, wenn Lynne dagegen stieß. Hingebungsvoll hängte sie Kugelfische, Zierketten aus 9-mm-Patronen und getrocknete Seesterne an die Palmwedel. Das Meiste rutschte gleich wieder ab und zerschellte am Boden.

„Scheißbaum! Völlig nutzlos! Und garantiert wird das Ding auch noch Kult!“, giftete Smythe. Fischkrümel zerknirschten unter seinen löcherigen Socken, als der Professor Platz nahm, um seine Stiefel zu wienern. Reine Beschäftigungstherapie. Wenn er sich und seine Sachen nicht in Ordnung hielt, würde er bald so derangiert aussehen wie seine Mitbewohnerin.

Lynne sah ihn strahlend an. „Tolle Idee, Jake! Ich wusste, im tiefsten Herzen bist du doch ein Romantiker!“

„Häh? Was? Wie?“ Smythe war verwirrt.

„Na, die Stiefel“, erklärte Lynne. „Du stellst sie blank geputzt vor die Tür, und morgen früh hat der Nikolaus sie mit Naschwerk gefüllt!“

„Du spinnst!“

„Tu ich nicht!“ Lynne drehte sich beleidigt um und suchte vergebens nach einer Baumspitze, um ihren selbst gebastelten Engel aus Vogeleiern daran aufzuspießen.

„Wollen wir wetten, dass morgen früh rein gar nichts in den Stiefeln ist?“ Smythe hielt ihr die Hand hin. „Wenn ich verliere, bringe ich freiwillig den Müll raus. Okay?“

„Abgemacht.“ Lynne schlug ein. „Und sollte doch was drinnen sein, koch ich dir ein heißes Essen mit allen Finessen!“

Smythe war enttäuscht. Heißer Sex mit allen Finessen wäre ihm lieber gewesen. Aber wo hätte der herkommen sollen? Außer Lynne war ja niemand da.

  1. Dezember 2520, allererste Morgendämmerung.

Still und starr ruhte der Kratersee. Frühnebel spukten durch die Landschaft, und jedes vernunftbegabte Wesen lag noch schnarchend im Bett.

„Ich glaub, ich träume!“ sagte Smythe verblüfft. Er stand am Eingang der Höhle und starrte hinaus auf eine schöne Bescherung. Lynne klammerte sich an seinen Arm, staunend und mit großen Augen.

Draußen lag der Stiefel, feucht vom Tau und… prall gefüllt mit einem Spikkar! Das nachtaktive Tier hatte Smythes alten Treter für ein Futterversteck gehalten, den Kopf hineingeschoben und war am Käsegestank verreckt.

Auf diese nahe liegende Möglichkeit kam Lynne natürlich nicht. „Na, was hab ich gesagt?!“ Sie zupfte Smythe am Ärmel. „Was hab ich gesagt, Jake? Der Nikolaus war hier! Und er hat uns einen leckeren Braten gebracht, so wie ich es mir gewünscht hatte!“

Smythe verdrehte die Augen, sagte aber nichts.

Schließlich wartete in der Höhle der Müll auf ihn…

 Autorin: Stephanie Seidel

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