MADDRAX-Adventskalender 2016 – Türchen 12

Mordpol

Ein MADDRAX-Weihnachtsroman in 24 Teilen

Der MADDRAX-Adventskalender - Jeden Tag ein weiteres Kapitel! (c) Bastei Verlag

Der MADDRAX-Adventskalender – Jeden Tag ein weiteres Kapitel!
(c) Bastei Verlag

12. Kapitel

Matt griff durch die Stäbe des vergitterten Fensters, nahm eine Handvoll Schnee und rieb ihn sich ins Gesicht. Die Kälte belebte für einen Moment, dann zwang ihn das Gefühl, einen aufgeblasenen Ballon verschluckt zu haben, wieder in die Knie. Langsam ließ er sich an der Wand zu Boden sinken.

„Mir ist schlecht“, sagte er.

Neben ihm auf ihrem Strohlager rülpste Aruula leise. Bereits vor Stunden hatte sie sich nach drei Näpfen voller Monncherri dorthin geschleppt und lag seitdem stöhnend auf der Seite. Matt hätte sich am liebsten neben sie gelegt, doch das ging nicht. Von den acht Holznäpfen, die ihr Wächter durch eine Klappe in der Zellentür geschoben hatte, waren zwei noch bis zum Rand gefüllt. Bis zum nächsten Rundgang des Wächters mussten sie leer sein, sonst drohte Prügel.

„Die erste Regel des Mastcluubs lautet: Wer nichts isst, kriegt aufs Maul“, hatte der Kommandant des Wachpersonals zur Begrüßung gesagt. „Die zweite Regel des Mastcluubs lautet: Wer nichts isst, kriegt aufs Maul. Die dritte Regel lautet: Wer kotzt, kriegt aufs Maul. Und die vierte Regel lautet: Wer Essen versteckt oder aus dem Fenster wirft, kriegt richtig aufs Maul. Noch Fragen?“

Matt tastete vorsichtig nach seinem zuckerstangenblauen Auge, dem Beweis dafür, dass der Wächter es bierernst meinte. Ein zwischen den Steinen versteckter Spekulatius hatte ihm den fetten Schlag eingebracht. Seitdem aßen er und Aruula alles, was man ihnen vorsetzte: fetttriefende Piighaxen, frittierte Tofanenstäbe, pflastersteinschwere Dominosteine, Zuckerstangen so dick wie Gitterstäbe, Ingwerplatzen (etwas so Gewaltiges konnte kein Plätzchen sein), meterlanges Spritzgebäck, kindskopfgroße Pralinen und Unmengen von Schokolade in den seltsamsten Formen und Farben. Es hatte Matt anfangs ein wenig Überwindung gekostet, außer roten Schokoladen­herzen auch grüne Schokoladenlungen und graue Schokoladenhirne zu essen, doch der Ekel war längst verflogen.

Matt zog einen Holznapf zu sich heran. Die Marzipankartoffeln, die darin lagen, waren größer als Tofanen. Seine zuckerverkrusteten Finger gruben sich in den Teig und schoben ihn in seinen Mund. Die Bewegung war längst zum Automatismus geworden.

Matt spülte die zähe Masse mit einem halben Becher Sahne hinunter. „Ich hab früher Marzipan gemocht“, sagte er zwischen zwei Bissen. „Und Dominosteine. Jetzt könnte ich bei dem Gedanken kotzen.“

Aruula rülpste.

„Keine Sorge“, fuhr Matt fort und stopfte eine weitere Kartoffel in seinen Mund. „Ich schaff deine Portion auch noch.“

Aruula rülpste.

„Wir kommen hier raus.“ Matt schob den leeren Napf zur Seite und griff nach dem letzten vollen. „Und dann musst du nie wieder Schokolade essen, das verspreche ich dir.“

Aruula rülpste.

Aber wie sollen wir hier rauskommen?, dachte Matt kauend. Niemand wusste, dass sie hier waren. Sie besaßen keine Waffen, denn die Wachen hatten ihnen alles abgenommen außer der Kleidung, die sie am Leib trugen. Und die schien auf mysteriöse Weise stündlich enger zu werden. Schon jetzt spannte sich Matts Uniformhemd über seinem prall gefüllten Rumkugel­bauch wie ein Handtuch über einem aufgehenden Hefeteig.

Bald sind wir so fett, dass wir uns nicht mehr bewegen können, dachte er und aß gedankenverloren eine Handvoll Kokospralinen. Wir brauchen ein Wunder, sonst serviert man uns nächste Woche in Orangensoße.

„Psst“, sagte eine Stimme über ihm. „Psst, hier oben.“

Matt hob den Kopf und blickte durch die Gitterstäbe auf ein Zwergengesicht, das faltig wie eine Dattel war.

„Sepp?!“ Er stieß das Wort in einer Wolke aus Kokosraspeln hervor. „Sepp Nüssli?“

Aruula rülpste.

Autorin: Claudia Kern

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