MADDRAX-Adventskalender 2016 – Türchen 13

Mordpol

Ein MADDRAX-Weihnachtsroman in 24 Teilen

Der MADDRAX-Adventskalender - Jeden Tag ein weiteres Kapitel! (c) Bastei Verlag

Der MADDRAX-Adventskalender – Jeden Tag ein weiteres Kapitel!
(c) Bastei Verlag

13. Kapitel

„Ihr müsst euch nicht bei mir bedanken“, sagte Sepp, obwohl das auch noch niemand getan hatte. „Ich helfe gern, wenn ich kann.“

Matt war es gelungen aufzustehen, ohne sich zu übergeben. Jetzt beobachtete er mit gerunzelter Stirn, wie Sepp einen Keramikbehälter neben dem Fenster absetzte und die honiggelbe Flüssigkeit darin mit Hilfe eines Keramikstabs dort auf die Gitterstäbe auftrug, wo sie wie Löffelstiele im kakaoschwarzen Fels verschwanden.

„Das ist Säure“, erklärte Sepp ungefragt. Matt fiel auf, dass seine Finger wie kleine Grillwürste aussahen. Wie hatte man die noch damals in Deutschland genannt? Fürther? Würzburger?

„Man gewinnt sie aus der Pisse von Izeekepirs, der Magensäure von Gerulen und aus Rosenblüten“, fuhr Sepp fort und wandte sich dem letzten Gitterstab zu.

Matt bemerkte, dass es nach Marzipan zu riechen begann. Er schmeckte bittere Galle und schob angewidert den letzten leeren Napf zur Seite.

„Rosenblüten“, sagte er leise. „Eklig…“

Sepp sah ihn seltsam an, antwortete aber nicht. „Wir müssen nur ein wenig warten“, sagte er stattdessen, „bis sich die Säure durch die Gitter gefressen hat. Dann seid ihr frei.“

Matt bezweifelte, dass er Recht hatte. Das Fenster des Verließ war langgezogen und schmal wie eine Schokoladenbanane. Kein normal gewachsener Mensch passte durch diese Lücke – erst recht nicht nach einer solchen Mastkur. Er würde stecken bleiben wie ein glasierter Apfel im Spanferkelmaul.

Auf ihrem Strohlager rülpste Aruula und öffnete zum ersten Mal seit Stunden die Augen. Ihr zuckerwassertrüber Blick fiel auf Sepp.

„Sollen wir den auch essen?“, fragte sie schleppend.

Matt schüttelte den Kopf. „Nein, das ist Sepp. Er will uns –“

Helfen, wollte er hinzufügen, doch im gleichen Moment hörte er Schritte in dem Gang vor der Zelle.

„Unser Wächter“, flüsterte er Sepp zu. „Hau ab.“

Der Zwerg verschwand so plötzlich aus seinem Gesichtsfeld, als habe die Erde ihn verschluckt. Matt drehte sich um, als der Riegel lautstark zur Seite geschoben und die Tür des Kerkers geöffnet wurde.

„Na, wie geht’s meinen kleinen Mastpiigs?“, sagte Nooel der Wächter und betrat die Zelle. Er war so groß und dunkel wie eine geräucherte Kamaulerhälfte. Seine Pranken spalteten Köpfe und Kokosnüsse mit gleicher Mühelosigkeit. Bei seinen Runden durch das Verließ war er stets unbewaffnet, behauptete jedoch, niemand habe es je gewagt ihn anzugreifen.

Matt glaubte ihm. Gegen den Wächter hatte er weniger Chancen als ein Stück Butter gegen eine heiße Pfanne.

Nooel ließ das Licht seiner Fackel nacheinander über die leeren Holznäpfe gleiten.

„Alles brav aufgegessen“, sagte er und klopfte Matt zufrieden auf den Bauch. Der biss die Zähne zusammen, als Übelkeit wie geschlagene Sahne in ihm aufwallte. „So gefallt ihr mir. Noch ein, zwei Wochen und… was ist denn das?“

Matt sah unwillkürlich zum Fenster, aber Nooel bückte sich und nahm etwas Dunkles aus einem der Näpfe. Kopfschüttelnd hielt er es Matt entgegen.

„Du hast dein Minzplättchen nicht gegessen“, sagte er. „Guten Appetit.“

Die glänzende Zartbitter-Schokoladenoberfläche schien Matt auffordernd anzugrinsen. Er wich zurück, wusste plötzlich, dass er das Minzplättchen nicht essen konnte, auch wenn sein Leben davon abhing.

„Ich platze, wenn ich das jetzt esse. Bei der nächsten Ladung kannst du mir was extra drauf packen, okay?“

Nooel seufzte und steckte die Fackel in eine Halterung an der Wand. „Wie lautet die erste Regel des Mastcluubs?“

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern ballte seine Hand zu einer melonengroßen Faust und holte aus.

Matt duckte sich so schwerfällig, als bewege er sich durch türkischen Honig.

Aruula rülpste.

Autorin: Claudia Kern

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