MADDRAX-Adventskalender 2016 – Türchen 19

Mordpol

Ein MADDRAX-Weihnachtsroman in 24 Teilen

Der MADDRAX-Adventskalender - Jeden Tag ein weiteres Kapitel! (c) Bastei Verlag

Der MADDRAX-Adventskalender – Jeden Tag ein weiteres Kapitel!
(c) Bastei Verlag

19. Kapitel

Kinder!

Dutzende mit Goldhaar behangene, verlumpte Kinder stolperten auf der Straße an dem Kellerfenster vorbei. So schien es zumindest im ersten Augenblick – doch erst als Matt den Anführer dieser tristen Prozession sah, begann er zu erahnen, was Aruula so entsetzt hatte.

Denn die jammernde Schar folgte einer mit Kohlenstaub bedeckten Gestalt, die Matt sofort eine weitere Facette der europäischen Weihnachtskultur ins Gedächtnis zurückrief. Und Sepp Nüssli, der in diesem Moment an ihm und Aruula vorbei aus dem Fenster blickte, bestätigte seine Vermutung:

„Der Knecht des Santa Graus! Wer ihn erblickt, der weiß, dass es nicht mehr lange dauert, bis er den Schrecklichen selbst zu Gesicht bekommt. Ja, es gibt keinen Zweifel: Es ist der Schwarze Rupp’rich!“

Ein dichter, verfilzter Bart und Augenbrauen wie Staubwedel wucherten auf dem bösartig verzerrten Gesicht der Gestalt, eine schwarze Mütze saß auf ihrem Kopf.

„Mit seiner Rute teilt er gemeine Schläge aus!“, fuhr Sepp Nüssli fort, „und seht ihr den Sack auf seinem Rücken? Die Kinder folgen ihm, weil sie Angst davor haben, für Stunden und Tage dort hineingesteckt zu werden, wenn sie nicht seine Lieder singen.“

„Wir müssen die armen Würmchen befreien!“, sagte Aruula spontan. „Sie tun mir schrecklich leid!“

Sie hörten die zarten Stimmchen der verängstigten Kinder, die ein trauriges Lied sangen:

Rupp’rich ist ein böser Mann,

den man nicht g’nug fürchten kann!

Traurig, traurig, tralalalala!

Bald ist Rupp’richs Rute da,

bald ist Rupp’richs Rute da.

„Ich hab schon über den Kerl gehört“, sagte Matt, und als Aruula ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „In alten Legenden, vor Kristofluu. Der Schlüssel zu seiner Macht ist Angst. Hat man keine Furcht vor ihm und seiner Rute, kann er nichts ausrichten.“

„Klingt aber ganz so an, als ob die Kindlein ’ne ganze Menge Angst vor ihm hätten“, warf Sepp ein. „Hör doch nur mal, was sie singen…“

Matt rieb sich die Nase; erst links, dann rechts, dann schnippte er mit dem Finger. „Das ist es!“, rief er aus. „Schnell, folgt mir! Ich habe einen Plan!“ Er lief los und hinaus und der gespenstischen Prozession hinterher. Ein Blick über die Schulter zurück: Aruula und Sepp folgten ihm auf dem Fuße und mit ratlosen Gesichtern. Tja, als hauptberuflicher Held durfte man seine Pläne eben nicht sofort kundtun; dann war der Überraschungseffekt größer.

Als er das zuletzt laufende Kind erreichte – einen blassen Jungen –, fuhr dieser herum und öffnete den Mund zu einem Schrei.

„Still!“, zischte Matt. „Wir befreien euch aus Rupp’richs Gewalt!“ Und dann flüsterte er dem Jungen etwas ins Ohr.

Dessen Miene hellte sich nach anfänglichem Zweifel sichtlich auf. „Okee!“, flüsterte er begeistert. „Ich sag’s weiter!“

Und so fand die Parole den Weg von einem Kinderohr zum nächsten. Matt wiederum weihte endlich Sepp und Aruula ein.

Als die Nachricht das vorderste Kind erreicht hatte, blieben alle unvermittelt stehen und verstummten.

„Singt weiter!“, herrschte Knecht Rupp’rich sie an.

„Das werden sie nicht!“, rief Matt und eilte an den Kindern vorbei nach vorne. „Nie mehr!“

„Jetzt, Kinder!“, gab Aruula gleichzeitig das Signal. Und ein neuer Gesang ertönte:

Rupp’rich ist so lächerlich,

albern, gar nicht fürchterlich!

Troll dich, troll dich, hahahahaha!

Bald ist Rupp’rich nicht mehr da,

bald ist Rupp’rich nicht mehr da!

Der Bärtige zuckte wie unter Peitschenhieben zusammen. „Ihr… wieso fürchtet ihr mich nicht mehr?“

„Deine Zeit ist vorüber!“, fuhr Matt ihn an. „Deine Macht über die Kinder ist gebrochen!“

Wieder und wieder sangen die Kleinen den Spottvers – und Spott war etwas, das Rupp’rich nicht ertragen konnte. Er wandte sich ruckartig ab und floh.

„Lauf nur!“, rief ihm Matt hinterher. „Lauf zu deinem Herrn und richte ihm aus, dass wir genau hier auf ihn warten. Wenn er mehr Mumm hat als du, soll er sich uns stellen!“

Die Kinder jubelten. Sepp und Aruula allerdings zogen skeptische Mienen. „Na, ob das eine gute Idee war, Santa Graus herauszufordern?“, gab der Gnom zu bedenken.

Matt grinste wissend. „Vertraut mir“, zitierte er Sepp aus Kapitel 14, „ich weiß, was ich tue.“

 

Autor: Christian Montillon

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