MADDRAX-Adventskalender 2016 – Türchen 20

Mordpol

Ein MADDRAX-Weihnachtsroman in 24 Teilen

Der MADDRAX-Adventskalender - Jeden Tag ein weiteres Kapitel! (c) Bastei Verlag

Der MADDRAX-Adventskalender – Jeden Tag ein weiteres Kapitel!
(c) Bastei Verlag

20. Kapitel

Wie ein geprügelter Lupa schlich Knecht Rupp’rich zurück zum Palast seines Herrn, um sich dort Wein, Weib und Gesang zu ergeben. Und nebenbei jämmerlich zu flennen, weil sich niemand mehr vor ihm fürchtete.

„Nununu“, lallte ein ziemlich volltrunkenes Goldlöckchen, das vor lauter Schielen nicht mehr geradeaus schauen konnte, „sso schli-schlimm wirdsssoch nich sein…“

„O doch, und noch viel schlimmer!“, warf der Grausheilige Guul Mel’cho ein, der gerade ein Fass Honigwein für den Nachschub holen wollte und vor Schreck eine Packung Schlamm verlor, als er Rupp’rich sah. „Du siehst aus wie…“ Er unterbrach sich, als er Balthaasa durch die Tür hereinkommen sah. Der Rev’rend trug keinen Hut mehr, seine Kleidung sah ziemlich ramponiert aus, und er schlotterte nicht nur von der klirrenden Kälte draußen. Auf seiner Wange prangte der Abdruck eines Hufs.

„Wo kommst du denn her?“, fragte Mel’cho. „Santa wird langsam ungeduldig, er hat schon drei Mal nach dir gefragt!“

„If will nift dafüber spfeffen“, lispelte der Rev’rend offenbar zahnlos und humpelte zur Bar, wo er sich erschöpft auf einen Hocker plumpsen ließ und mit blutverschmierter Hand nach einem gefüllten Whiskyglas griff.

Rupp’rich zupfte an Mel’chos Gewand und beschmierte sich prompt mit Schmodder aus fauligen Pflanzenresten. „Was hast du eben gemeint?“, flüsterte er zaghaft. „Was ist mit mir?“

Der Guul griff nach einem Spiegel und hielt ihn Rupp’rich kommentarlos vor die Nase.

Der Knecht stieß einen entsetzten Schrei aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Neiiin! Seht mich nicht an! Seht – mich – nicht – an!

Natürlich schaute daraufhin sofort jeder zu ihm hin. Ein Stöhnen ging durch den zuvor von fröhlichem Lärm erfüllten Raum.

Die grausigen Nebenwirkungen des Kinderlachens waren schlimmer als alles, was man sich vorstellen konnte, schlimmer noch als in Pils getunkter Honigkuchen oder Pizza mit Sardellen, Bananen und Rosinen: Rupp’rich war kein grusliger alter Zausel mehr, sondern ein weibisch aussehender, zarter Jüngling mit schulterlangen blonden Haaren, Lipgloss auf dem breiten Mund und Puder auf dem entzückenden kleinen Näschen.

Rupp’richs Jammer kannte keine Grenzen mehr. „So krieg ich doch nirgendwo mehr ’nen Job!“, heulte er hemmungslos drauflos. Seine Stimme war nicht mehr tief und hohl, sondern hoch, mit einem Kick ins Schrille.

„Na, vielleicht doch“, warf ein Nosfera vorlaut ein. „Da soll es ein Königreich geben, weit, weit weg, in dem…“

Er verstummte, als Santa Graus die Szene betrat. Der schwabbelnde Ledersack sah keineswegs mehr prall gefüllt aus, und er wirkte ziemlich ungehalten. „Wo bleibt mein Nachschub?“, brüllte er. Dann sah er seinen Knecht und verschluckte sich.

„Rupp-hupps-rich?“

Der zarte Jüngling blickte auf. Rotz hing ihm aus der Nase, die Augen waren vom Weinen gerötet. „Ja, Meister, ich bin’s…“

Die Zuschauer wichen zurück, als der Kritzmesstyrann auf seinen Knecht zutrat, das Gesicht in seine riesigen Pranken nahm und zu sich hob. „Bei allen Lakritzschnecken, was muss ich da sehen, was ist mit dir geschehen? Wer hat dir das angetan, mein liebster Knecht, meine Nummer Eins, mein Kaliban?“ Er wollte den Geschundenen wohl tröstend streicheln, denn er knetete das Prince-Charming-Gesicht halbwegs zu Brei.

„Also, ich war auf dem Weg zum Karzer, mit den Mastkindern im Schlepptau, und auf einmal kommt da so’n großer Blonder daher, und ’ne langbeinige Schwarzhaarige mit wackelndem Busen, und ein Zwerg, und die versauen mein Lied, und die Kinder haben… sie haben…“, seine Stimme wurde zu einem hohen Kieksen, „sie haben mich ausgelacht…“

Für einen Moment herrschte lähmende Stille im Raum; nur Rupp’richs leises Schluchzen und Schniefen war noch zu hören.

Dann grollte Santa Graus langsam: „Wo sind sie jetzt?“

„Sie haben gesagt, sie wollen auf dich warten, Lamettastraße Ecke Glöckchengasse“, antwortete Rupp’rich. „Sie haben gesagt, du hättest… hättest keinen…“

„Was hätte ich nicht?!“, polterte der Schreckliche.

„Keinen… Mumm“, hauchte Rupp’rich.

„Waaaas?!“ Santa Graus war außer sich und ließ die Faust niederfahren. Der Hänfling von Jüngling verschwand darunter.

„Oh – hoppla.“ Sichtlich pikiert wischte sich Santa Graus die Reste seines ehemaligen Knechtes von der Hand ab. „Entschuldige.“

Dann richtete er sich auf und wuchs noch ein Stück, bis sein Kopf fast an die Decke reichte. „Holt alle Schauerlichen Schergen!“, brüllte er, dass die Wände wackelten und die Fenster gesprengt wurden. „Die Zwetschen­brigade, die Lebkuchenmänner – ich will, dass ihr diese Frevler, diese Grausnachtschänder, diese Blasphemisten findet und mir bringt. Ich will sie gesotten, gebraten, gegrillt, kandiert und flambiert serviert bekommen!“

Autorin: Susan Schwartz

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