Gelesen: „John Sinclair – Im Nachtclub der Vampire“

Von einem unvorteilhaft gealterten Klassiker

Vor über einem Jahr hatte mein alter Ebook-Reader den Geist aufgegeben, und zu Weihnachten hat mir die Liebste ein neues Modell geschenkt: einen Tolino Page. Um das Gerät mal ausgiebig zu testen – und ich muss sagen, ich bin recht angetan davon -, habe ich mal in meinen Archiven ungelesener digitaler Bücher gewühlt und eine Epub-Variante des ersten, in der eigenständigen Serie erschienenen John Sinclair-Romans „Im Nachtclub der Vampire“ gefunden. Da ich seit der Jubiläumsnummer 2000 mit Vergnügen die nachfolgenden Romane gelesen habe, dachte ich, schaue ich mir doch mal die Anfänge an. Dass ich zu den Jubiläumsnummern immer mal wieder in die Serie reingelesen habe, ist auch kein Geheimnis, schließlich habe ich dazu ja auch mal einen Podcast veröffentlicht. Also war ich doch einigermaßen gespannt…

„John Sinclair – Im Nachtclub der Vampire“
(c) Bastei-Lübbe Verlag

„Im Nachtclub der Vampire“ erschien vor beinahe 38 Jahren (am 17.01.1978) und ist leider nicht sehr vorteilhaft gealtert. Was damals schon trashig gewesen sein muss, ist es heute doppelt. Allein wie die attraktiven Vampirinnen, die den Nachtclub SHOCKING PALACE betreiben, beschrieben werden, grenzt an sexuelle Diskriminierung – was ein durchaus mieses Licht darauf wirft, was man(n) früher vielleicht gerne gelesen hat. Ich selbst wurde etwa drei Jahre später geboren und habe zum Glück ein etwas anderes Frauenbild mitbekommen. John Sinclair agiert hier noch nicht in der Ich-Perspektive – was ich überaus angenehm finde. Dieses Stilmittel, aus der ersten Person heraus zu schreiben, finde ich in den wenigsten Fällen gelungen. Zwar ist man nahe an der Figur, aber auch recht eingeschränkt und kann sich leicht verzetteln. Apropos verzetteln: Viele Passagen drehen sich in diesem Roman um London, insbesondere Soho und was dort so los ist. Über weite Strecken liest sich das wie ein mit Klischees vollgestopfter Reiseführer. Ich wollte eigentlich einen „Spannungsroman“ lesen, aber das Erkunden der Großstadt auf diese Weise war sicher für den deutschen Leser Ende der 1970er spannender als für mich. Damals kam man als Jugendlicher wahrscheinlich nicht so leicht nach London, wie es heute möglich wäre. Dass John raucht wie ein Schlot, na gut. So waren Helden damals; Quarzende Cowboys, schmauchende Kommissare. Zeitgeist, ick hör‘ dir trapsen! Kurios muten die Anglizismen an, die wohl ebenfalls als Zeichen der Exotik eingestreut sind. Da trifft man sich im „Livingroom“, John ruft „Come in!“ usw. – Yeah, cool! Und immer sind die Rocker die Bösen. Sie pöbeln grundsätzlich und werden handgreiflich, jeder Typ in Soho ist generell ein potenzieller Zuhälter oder Vergewaltiger. Super. Alles Schweine außer Johnny, schon klar. Zusammen mit dem bereits oben kritisierten Frauenbild im Romaneinstieg ist das wirklich übel, zumal da leider keinerlei ironische Überhöhung erkennbar ist. Wie gesagt, ich bin dazu übergegangen, da nicht zu sehr drüber nachzudenken, und es als Trash zu betrachten. Dann ist das vertretbar – ansonsten heutzutage absolut nicht mehr zeitgemäß.

Was mich aber überrascht hat, ist, dass der Roman gar nicht mal so weit von dem entfernt ist, was Jason Dark heute schreibt. Die teils sinnentleerten, knappen Dialoge, sind auch hier schon zu erkennen. Die Satzstruktur ist hier ebenfalls simpel, wenn auch nicht so übel zusammengeklöppelt wie in manchem Spätwerk der Bände kurz vor dem 2000er-Roman. Und: Hier gab es noch einigermaßen schöne Ideen. Der Nachtclub mit Särgen als Sitzgelegenheiten, in denen man die Toten verstauen kann – das ist schon einigermaßen witzig. Ich kenne mich mit John Sinclair beileibe nicht gut genug aus, um zu wissen, wann die Hochzeit der Serie anzusetzen ist, aber ich meine mich zu erinnern, dass diese so in den mittleren Hunderterbänden gelegen haben muss. Zumindest was die Diskussionen im Fandom angeht, aber nagelt mich nicht darauf fest.

Wie dem auch sei: Insgesamt hatte ich gehofft, ich sähe hier in diesem Roman-Klassiker, der ersten, eigenständigen Nummer von „John Sinclair“, einmal ein bisschen das durchblitzen, was viele Leser der ersten und zweiten Stunde an dem Geisterjäger und dem dazu gehörenden Universum so fasziniert hat. Im „Nachtclub der Vampire“ habe ich es für mich leider nicht gefunden.

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