Gedanken zu Bov Bjergs Roman „Auerhaus“

Alle paar Monate braucht mein Gehirn eine Auszeit von der phantastischen Literatur, die ich so standardmäßig für Besprechungen lesen muss – und es auch immer noch gern tue. Die Abstände zwischen diesen benötigten Auszeiten werden jedoch kürzer und ich stelle eine wachsende Übersättigung fest. Wenn man jahrelang kaum etwas anderes konsumiert – oder eben aus beruflichen Gründen konsumieren muss – ist das wahrscheinlich kein Wunder. Umso mehr freut es mich, dass ich dann auf den Stapel ungelesener Gegenwartsliteratur zurückgreifen kann, der sich hier so angesammelt hat.

In den letzten Tagen habe ich also endlich „Auerhaus“ von Bov Bjerg gelesen, eine Geschichte über eine Jugendlichen-WG in Süddeutschland in den 1980ern, in der sich sechs Existenzen versammeln, die sich am Scheideweg befinden: Gibt es einen Platz für mich in der Gesellschaft, ergehe ich mich weiter in Rebellentum und wie komme ich mit der ländlichen Tristesse zurecht? – Ich mag den Stil sehr, total reduziert, ein schönes Stimmungs- und Zeitportrait. Allerdings ist der Roman und sind seine Figuren von einer so durchdringenden Ratlosigkeit und Traurigkeit durchzogen, dass man die Lektüre nicht unbedingt als spaßig beschreiben kann.

Bov Bjerg – Auerhaus
(c) Aufbau Verlag

Der Hintergrund der WG-Gründung trägt nicht unwesentlich dazu bei: Frieder, hochbegabter Abiturient und so etwas wie der beste Freund der Erzählfigur, versucht sich das Leben zu nehmen und soll auf Anraten der Therapeuten nicht mehr auf dem elterlichen Bauernhof leben. Sein Opa hat der Familie ein Haus vermacht, in das Frieder, der Erzähler sowie dessen Freundin Vera einziehen, später kommen noch ein Mädchen aus gutem Elternhaus, eine Bekannte aus der Klapse (Stimmen hörende Pyromanin) und ein mit Gras dealender Auszubildender hinzu. Sie alle sollen auf Frieder aufpassen, da niemand wissen kann – auch er selbst nicht – wann seine Depression wieder so schlimme Züge annimmt, dass er erneut probieren wird, sich umzubringen.

Eher lakonisch werden Themen wie Musterung, Abschlussprüfungen und Großstadtsehnsucht abgehandelt. Tenor soll wohl sein: „Zusammen ist man weniger allein“. Ein Satz, den der Roman in jedem Kapitel als floskelhafte Lüge entlarvt. Und auch wenn einige Situationen etwas bemüht wirken, um bestimmte „Coming of Age“-Momente zu reflektieren, ist die grundsätzliche Stimmung glaube ich jedem bekannt, der mal in ähnlichen Verhältnissen gelebt und ähnliche Gedanken gedacht hat.

Das macht es nicht leichter – ganz im Gegenteil. Was ich vom „Auerhaus“ (eine Verballhornung vom Titel des Songs „Our House“ von „Madness“) mitnehme ist, glücklich zu sein, dass mich die damalige spätpubertäre Stimmung nicht dermaßen mit dem Vorschlaghammer erwischt hat, wie andere Menschen es erlebt haben müssen.
Fazit: „Hurra, ich lebe noch!“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Lesen & Schreiben abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s