Gedanken zur Stephen-King-Verfilmung „Der Dunkle Turm“

„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Rolvermann folgte ihm…“

So, frisch aus dem Kino wieder da, und hier meine – wie immer rein subjektive – Nachbetrachtung der lang erwarteten Verfilmung des achtbändigen Epos vom Meister King. Die schlechte Nachricht zuerst: Wer eine Literaturverfilmung des Ausgangsstoffes erwartet, wird komplett enttäuscht. Die Story des Films bedient sich diverser Elemente aus diversen Romanen, mixt diese munter durcheinander und bastelt so etwas wie einen reduzierten Sud aus verschiedenen, natürlich längst nicht allen Motiven, die es da so gibt. Dabei kommen natürlich andere Handlungen zusammen, als sie in den Büchern zu finden sind. Wer eine 1:1-Umsetzung möchte, muss weiter warten. Aber das war ja vorher bekannt und traf bei mir auch auf Verständnis und Wohlwollen.

Ist der Film trotzdem gut? Ja, ist er. Denn er greift bestimmte Motive und Spannungsbögen mehr oder minder behutsam auf und transportiert die Stimmungen für die Figuren (die wenigen, die vorkommen) und auch für das Setting von Mittwelt im Rahmen seiner knappen Möglichkeiten recht gut. Roland ist wortkarg, leicht gebrochen und akzeptiert seine Rolle nur widerwillig. Jake bekommt einen völlig anderen Background, der zwar simpler ist, für das durchgängige Vater-Sohn-Motiv jedoch wichtig und auch okay so. Auch dass man ihm eine Rolle zuspielt, die er in den Büchern nicht hat und somit als Repräsentant für viele andere Figuren endet, ist völlig in Ordnung. Von Mittwelt sieht man recht wenig, aber die futuristisch-postapokalyptische „Welt, die sich weitergedreht hat“ wird optisch gut umgesetzt (inklusive Western-Anleihen). Überhaupt die Effekte: Sehr respektabel, und ich finde, nicht übertrieben. Auch Rolands Fähigkeiten optisch sichtbar zu machen, klappt recht gut. Stichworte Patronen- und Magazinwechselspielereien sowie Querschläger. Zu viel Action? Mitnichten. Nichts davon ist unmotiviert, und zu viel ist es auch nicht, da optisch ansehnlich und gut in die Story integriert. „Der Dunkle Turm“ ist aber natürlich auch kein Charakter-Drama. Jake wird in den Mittelpunkt gestellt, Roland und Walter als sein Gegenspieler als klassischer Gut-gegen-Böse-Konflikt aufgebaut (was es, wenn man es herunter bricht, einfach ist, wenn auch eigentlich natürlich viel komplexer). Du suchst ein Ka-Tet? Haben wir nicht. Brauchen wir hier auch nicht. Vielleicht im nächsten Film, sollte es einen geben. Oy!

Das alles gelingt mit vielen kleinen Anspielungen (Die Zahl 19 ist natürlich prominent platziert, das Shining, Pennywise, die 1408 kommt vor, das Auge des Scharlachroten Königs, die Rose, die Arthus-Legende, Balkenbeben), die nur Eingeweihten auffallen. Darüber hinaus funktioniert der Film aber für jemanden, der die Bücher nicht kennt (meine Freundin) genauso gut wie für jemanden, der sie sehr gut kennt (das wäre dann ich).

Also, zusammengefasst: Nein, man muss die Bücher nicht kennen, um den Film zu verstehen. Das klappt ohne dieses Wissen gut, mit diesem Wissen bekommt man quasi Insider-Boni, die aber grundlegend nicht so wichtig wären, für die Geschichte, die der Film erzählt. Nein, sie folgt nicht den Büchern. Sie nimmt wirklich einzelne Handlungsideen aus den Romanen, dreht sie durch den Wolf, und mischt sie zu einer neuen Interpretation. Die funktioniert. Ohne Probleme, ausreichend komplex, optisch schön, kompakt und gut gespielt. Letzteres durchgängig, es gibt keine Totalausfälle (wie z.B. andere Rezensionen es Tom Taylor als Jake attestieren – Unverständlich!). Muss der Dark Tower-Fan den Film unbedingt sehen? Nein. Aber er macht sich auch nichts kaputt, wenn er es tut. Haltet den Film und die Bücher im Kopf weitgehend getrennt und ihr behaltet ein grandioses Buchepos im Kopf und bekommt einen überaus soliden Fantasy-Actionfilm auf die Augen.

Lange Tage und angenehme Nächte, euch allen.

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