Stephen Kings „ES“: Ein Erfolg mit Ansage

Gedanken zur Neuverfilmung von Andrés Muschietti

Kinoplakat von ES (2017)
(c) Warner Bros./New Line Cinema

Nur wenige Stunden, nachdem ich die Neuinterpretation von „ES“ im Kino sah, hatte ich in einem Facebook-Post geschrieben, dass der internationale Erfolg des Films ein „Erfolg mit Ansage“ sei. Viel ist darüber bereits geschrieben worden, und wer es nicht noch einmal – mit meinen eigenen Worten – lesen will, der darf an dieser Stelle gerne auch schon wieder aussteigen. Aber vielleicht sind da doch noch Gedanken dabei, die ihr selbst nicht hattet – falls ihr den Film bereits gesehen habt.

Warum das Ding meiner Ansicht nach so gut funktioniert, versuche ich in der Folge lose zusammenzufassen:

  1. Der Film erfüllt die an ihn gestellten Erwartungen mit einer bewundernswerten Vielseitigkeit auf mehreren Ebenen. Zum einen ist da natürlich der berühmte TV-Zweiteiler mit Tim Curry als Pennywise. Die Bilder dieser Verfilmung haben sich in das kollektive Popkultur-Gedächtnis einer gesamten Generation eingebrannt und natürlich will man sie, zumindest ansatzweise, auch in der Neuinterpretation sehen. Das gelingt dem Film bereits in der Eröffnung mit Szenen, die der TV-Verfilmung sehr ähnlich sind. Man holt den Zuschauer quasi genau da ab, wo er sich Zuhause fühlt.
  2. Das gilt auch für die Verlagerung der Handlung in der 1980er Jahre. Nicht nur, dass man damit einen aktuellen Trend bedient, der durch „Stranger Things“ angestoßen wurde und demnächst von Stephen Spielbergs Verfilmung von Ernest Clines Bestseller „Ready Player One“ noch einmal richtig zulegen wird (von den Nintento Retro-Mini-Konsolen, der Neuauflage des YPS-Heftes usw. mal ganz zu schweigen). Nein, man wählt hier sogar die Perspektive der Kids, die den „ES“-TV-Zweiteiler in jugendlichem Alter gesehen haben! Da ist es wieder, das Heimatgefühl, diesmal durch das Setting.
  3. Der Film formuliert Figuren gemäß seines Mediums um und hält sich nicht sklavisch ans Buch, hält aber trotzdem an wichtigen Eckpunkten fest. Die Literaturvorlage lebt von der Vielseitigkeit und den Hintergründen der Kinder- und Erwachsenenfiguren, die definieren, wovor sie sich fürchten und womit „ES“ ihnen Angst einjagen kann. Allerdings kann Regisseur Muschietti auch nicht drei Drei-Stunden-Filme aus dem Material machen, das gibt die Dramaturgie der Vorlage auch gar nicht her. Da ist die Wahl von zwei Filmen die deutlich bessere – und spiegelt auch wieder den TV-Zweiteiler wider.
  4. Das sensationelle Casting! Die Jungs sind super besetzt, der dicke Ben Henscom darf auch ein wirklich dicker Junge sein (Jeremy Ray Taylor). Beverly Marsh, unglaublich intensiv gespielt von Sophia Lillis, dürfte der Traum jedes pubertären Jungen der 80er gewesen sein. Bill Skarsgård als „ES“ nimmt nur wenige Elemente seines Vorgängers Curry in seine Performance mit auf und macht aus Pennywise dankenswerter Weise ein abstraktes Wesen und keinen reinen „bösen Clown“ – dazu ist das neuen „ES“ zu sehr von menschlichen Bewegungen entfernt.
  5. Noch einmal Erwartungen: Die Härte bzw. die Horror-Elemente. Die TV-Verfilmung war alles andere als hart, hat aber deswegen solche Angst gemacht, weil die Idee, dass das Böse sich immer den Weg sucht, wie es einem am Meisten Angst machen kann, wirklichen Terror in der Vorstellung von jungen Gemütern bedeutet. Der Nimbus, der diesen TV-Zweiteiler umgibt, ist absolut erstaunlich. Aber der moderne Zuschauer erwartet da etwas mehr – und bekommt es am Ende der Eröffnungssequenz das erste Mal präsentiert. Und da gibt es den geschickten Bruch mit dem Vertrauen, von dem ich weiter oben sprach. Auch wenn der Film ansonsten nicht sonderlich Splatter-Horror-lastig ist, schockt er an bestimmten Stellen absolut effizient. Das Paradebeispiel ist die Dia-Show, die durch den Hell-Dunkel-Wechsel und das Tempo unglaublich gut gelungen ist und selbst mir als geübtem Horror-Fan ordentlich Respekt eingeflößt hat – nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern wegen seiner effektiven Machart. Das ist wirklich großes Kino.
  6. Der Meta-Clou: „ES“ sucht die Stadt im Buch alle 27 Jahre heim. Vor 27 Jahren erschien auch die legendäre TV-Verfilmung von „ES“. Wie die Kinder, die sich im Buch nach 27 Jahren wieder treffen, trifft „ES“ nun auf die ersten, nachhaltig beeindruckten jungen Zuschauer von damals und konfrontiert sie mit ihren Ängsten – nämlich der Angst vor dem Film – erneut. Das ist so genial eingefädelt, dazu fehlen mir weitere Worte.

Dies Alles muss den Machern bewusst gewesen sein, aber es dürfte sie überraschen, WIE GUT ihre Ideen und die subtilen Dinge im Hintergrund dann doch funktioniert haben. Deswegen „Erfolg mit Ansage“ – Unter diesen Voraussetzungen konnte „ES“ gar nicht scheitern – und tut es zurecht nicht. Solange „STAR WARS“ im Dezember nicht mit etwas völlig Beeindruckendem aufwartet, dürfte „ES“ die Kinosensation 2017 bleiben. Und das, wie dargelegt, auf vielen Ebenen.

In unserem südemsländischen Provinzkino lief der Streifen am Eröffnungswochenende in zwei Sälen – und die waren jeweils bis auf den letzten Platz besetzt.
(Foto: Sascha Vennemann)

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