Gelesen: Andreas Brandhorst – Das Schiff

Keine leichte Kost: Maschinen, Unsterblichkeit und Geistreisen

Eigentlich mache ich so etwas ja höchst ungern: ein Buch besprechen, das ich gar nicht komplett gelesen, sondern nur zu einem Teil geschafft habe. Vor etwas mehr als zwei Jahren, im Dezember 2015, sollte ich für das VIRUS-Magazin den damals aktuellen Science Fiction-Roman des deutschen Autors Andreas Brandhorst rezensieren, hatte für die 550 Seiten-Schwarte aber nicht ausreichend Zeit und musste mich mit dem ersten Drittel begnügen. Ich wollte das Buch aber gerne zu Ende lesen, und so ruhte es die ganze Zeit mahnend auf meinen Stapel noch fertig zu lesender Bücher (SNFZLB), bis ich es in der vergangenen Woche wieder zur Hand nahm, um es endlich anzugehen. Vor wenigen Minuten bin ich fertig geworden. Mal sehen, was ich in meiner Rezension damals schrieb und ob ich es in der Nachbetrachtung noch genauso formulieren würde…

In einer fernen Zukunft haben intelligente Maschinen die Vorherrschaft über die Erde übernommen. Sie regeln den Alltag in vermeintlicher Koexistenz mit den Menschen und expandieren in den Weltraum. Nach verheerenden Klimakatastrophen und Kriegen sind nur noch 4 Millionen Menschen übrig geblieben, diese werden von den Maschinen zu ihrem 30. Geburtstag mit einem Altersstopp versehen, sind also fortan unsterblich. Bei einem geringen Prozentsatz klappt dies allerdings nicht. Diese normal alternden Menschen werden zu so genannten „Mindtalkern“, deren Bewusstsein mittels überlichtschneller Signale zu Avatarkörpern auf fremden Planeten geschickt werden kann. Denn eines können die Maschinen nicht: Kreativ denken und darauf gründend Entscheidungen treffen. Als man in den Tiefen des Alls Überreste einer fremden Spezies findet, die vor dem „Weltenbrand“ über ein Transportnetz über weite Strecken verfügte, werden Prozesse in Gang gesetzt, in die Adam, ein 92-jähriger „Mindtalker“, immer mehr verstrickt wird. Gleichzeitig regt sich Widerstand gegen die Maschinen auf der Erde, und auch für diese Gruppe ist Adam von großer Bedeutung.

Keine leichte Kost – Für Andreas Brandhorsts „Das Schiff“ muss man schon einigermaßen wach sein. Ausreichend Kaffee kann da helfen… 🙂
(Foto: Sascha Vennemann)

Das fasst es tatsächlich immer noch ziemlich gut zusammen, obwohl sich der Roman insbesondere im letzten Drittel noch stark in eine Richtung entwickelt, die man zu Beginn nicht abschätzen kann – dann nämlich tritt das titelgebende „Schiff“ erst richtig in Erscheinung und der Text bekommt spät einen recht epischen Überbau. Auf dem Weg dahin wird spannend und klug über die Themen Künstliche Intelligenz, (Un-)Sterblichkeit bzw. Altern nachgedacht, verpackt in eine Story, die zwischen Rebellengeschichte, Entdeckungsroman und mal leiserer, mal lauterer Kritik an der fortschreitenden Technisierung unserer Welt hin und her wandert. – Wie fiel mein Fazit damals aus?

Andreas Brandhorts Zukunfts-Roman ist kein leichter Vertreter seines Genres, und das ist auch gut so. Denn hat man sich erst einmal in diese Welt eingefunden, lauern hinter jeder Ecke neue Erkenntnisse über die Bedeutung von Sterblichkeit und Altern, gepaart mit einem ordentlichen Schwung Sense of Wonder, einer uralten Bedrohung und Expeditionen in fremde, untergegangene Weltraumkulturen. Wer den nicht ganz einfachen Zugang zu der Geschichte findet, wird belohnt, aber „Das Schiff“ ist eher etwas für geübte Science-Fiction-Leser, die auch mit Stanislaw Lem etwas anfangen können – nicht für die „Star Wars“-Fraktion.

Ein Eindruck, der sich gerade in den späteren Kapiteln durchaus bewahrheitet, denn hier wird es noch phantastischer, technischer und auch philosophischer. So experimentell wie die Romane eines Jeff VanderMeer ist „Das Schiff“ zwar nicht, aber ja, man sollte vielleicht nicht als SciFi-Einsteiger zu dem Roman greifen.

Ein Manko hat das Buch allerdings – es ist eine Spur zu lang geraten. Gerade im letzten Drittel tritt der Text etwas auf der Stelle, werden Nebenschauplätze aufgemacht, die zwar nicht gänzlich überflüssig sind, aber das Tempo doch ziemlich ausbremsen. Wäre „Das Schiff“ etwa 50 bis 100 Seiten schlanker, wäre der Gesamteindruck noch etwas positiver. Trotzdem: Ein guter Roman, reichhaltig, leise mahnend und fordernd.

Fun Fact: Durch Zufall habe ich erfahren, dass Andreas Brandhorst seit einigen Jahren im selben Landkreis lebt wie ich. Ich hoffe, ihn zukünftig einmal persönlich zu treffen und ihn vielleicht für ein Interview gewinnen zu können.

„Das Schiff“ ist erschienen im Piper Verlag und kostet als Taschenbuch mit 544 Seiten 14,99 Euro, als Ebook 11,99 Euro. (Afilliate Links)

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3 Antworten zu Gelesen: Andreas Brandhorst – Das Schiff

  1. lapismont schreibt:

    Sehr gewagt, so eine Rezi nach einem Drittel. Das kann arg ins Auge gehen und an der eigen Glaubwürdigkeit kratzen. Ich finde Andreas Brandhorst ungemein sympatisch und interviewte ihn mal in seiner Funktion als Übersetzer. Mit seiner SF werd ich nicht so warm.

    • cptstarbucks schreibt:

      Natürlich hatte ich damals andere Besprechungen des Romans gelesen und auch die grundsätzlichen weiteren Verlauf durch Querlesen gecheckt. Von den Hunderten Rezensionen, die ich bislang verfasst habe, war es vielleicht bei einer Handvoll der Fall, dass ich sie vor Redaktionsschluss nicht komplett lesen konnte – und das waren in der Regel sehr lange Bücher, sprich 500+ Seiten, die man nicht einfach so weglesen kann. Außerdem: Man zeige mir den Kollegen, bei dem dies nicht ab und an der Fall ist. Meine Ehrlichkeit an dieser Stelle tut da meiner Glaubwürdigkeit – glaube ich – keinen Abbruch. 😉 Und ich bin mir sicher, dass ich irgendwann weitere Brandhorst-Bücher lesen werde. Seine Ideen in bzw. für „Das Schiff“ waren recht komplex und faszinierend. Ich bin gespannt, wie sich das in anderen (Einzel-)Werken von ihm darstellt.

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