Gelesen: „Betoninsel“ von J.G. Ballard

Gefangen im Verkehrsmeer

Wer sich vielleicht gefragt hat, wo ich mir Inspirationen hole für Bücher, die auf meine Amazon-Wunschliste kommen sollen, dem sei gesagt, dass ich täglich Deutschlandfunk Kultur als Podcast höre – und zwar die wunderbare Sendung „Lesart“, die so ziemlich alles bietet, was man als breit interessierter Literatur-Mensch wissen möchte. Die Sendung ist für mich ein Quell von immer wieder ganz unterschiedlichen Entdeckungen. Eine davon ist der Roman „Betoninsel“ von J.G. Ballard, der aktuell – zusammen mit anderen Romanen des Autors – im Diaphanes Verlag wiedererschienen ist.

J.G. Ballard – Betoninsel
(c) Diaphanes Verlag

Im Original heißt das Ding „Concrete Island“ und erschien bereits 1974. Diaphanes greift auf eine Textfassung zurück, die 1992 im Suhrkamp Verlag erschien und für die Neuausgabe revidiert, also sprachlich behutsam angepasst wurde. Laut Amazon erschien bereits 1981 eine deutsche Ausgabe in der Reihe Heyne Science Fiction. (An dieser Stelle vielen Dank an denjenigen, der mir das Buch zum Geburtstag geschenkt hat.)

Der Autor James Graham Ballard sagte mir nichts, obwohl er scheinbar eine Art Klassiker der Science Fiction-Literatur sein soll. Sein Roman „High Rise“ wurde im letzten Jahr verfilmt, den Titel hatte ich am Rande mitbekommen, aber mehr auch nicht (schon gar nicht, dass der Streifen auf einer Vorlage des Autors beruht).

Die Besprechung im Radio klang aber interessant. Nun, was jemand, der manchmal einen von anderen Menschen als seltsam titulierten Geschmack hat, halt interessant findet. Der Einfachheit und der schönen Zusammenfassung wegen, hier der Klappentext:

Auf seinem Heimweg von der Arbeit kommt Robert Maitland, ein 35-jähriger Architekt, mit seinem Jaguar von der Fahrbahn ab, durchbricht eine Leitplanke und wird auf eine Verkehrsinsel geschleudert. Als er verletzt wieder zu sich kommt, versucht er vergeblich Hilfe zu holen und die Fahrbahn oberhalb der Böschung mit ihrem rasenden Verkehrsstrom zu überqueren. Gefangen im verwilderten Niemandsland eines gigantischen Autobahnkreuzes muss er mit dem wenigen, was sich in seinem Wagen befindet, auskommen. Nach Überwindung von Schock und Apathie nimmt er den Kampf um sein Überleben auf, beginnt sich einzurichten und seinen Lebensraum auszukundschaften, bis er nach einer gewissen Zeit plötzlich bemerkt, dass er in der Zone nicht alleine ist…

Das fand ich als Ausgangssituation für einen Roman schon einmal klasse. Ich fragte mich, was er auf diesem begrenzten Stück Land wohl finden mag – und wieso es ihm nicht gelingen sollte, von dort irgendwie zu fliehen. Ich erwartete also so etwas wie eine Robinsonade im modernen Gewand. Nun, so ganz falsch lag ich damit nicht, auch wenn mich die Lektüre besonders in der zweiten Hälfte des Romans ganz schön zu überraschen wusste.

Geschickt löst Ballard das Problem, warum Maitland die Flucht nicht gelingt: Er wird beim Unfall schwer verletzt und beim ersten Fluchtversuch von der Betoninsel noch einmal angefahren. Danach ist es erst einmal Essig mit dem Bewegen. Soll heißen: Ja, auch wenn die Betoninsel, tief zwischen den Fahrbahnen liegend, Böschungen hat, die man erklettern kann, kommt er da nicht so einfach raus. Zwar versucht er alles Mögliche, um auf sich aufmerksam zu machen – u.a. versucht er, seinen Wagen abzufackeln – aber er scheitert immer wieder. Was zum großen Teil auch daran liegt, dass die Menschen in ihren Autos ihn gar nicht wahrnehmen – oder wahrnehmen wollen.

Und da wurde mir sehr schnell klar, das Ballard hier ganz bewusst eine kafkaeske Stimmung aufbaut, die mich frappierend an meine erste Lektüre von „Die Verwandlung“ erinnerte. Mit derselben Faszination, mit der ich damals in der Oberstufe las, wie Gregor Samsa sich in einen Käfer verwandelte, aber sich kaum fragte, warum eigentlich, las ich jetzt von Maitland, der unverschuldet von seiner Umwelt nicht mehr wahrgenommen wird – quasi ein Geist. Diese Idee kam mir zwischenzeitlich auch: Was, wenn Maitland beim Unfall gestorben ist und nur noch da so rumgeistert? Aber das würde dann nicht mit den physischen Schmerzen und den Verletzungen passen. Obwohl, da haben uns gewisse TV-Serien der 2000er auch was ganz anderes gelehrt. Egal, kleiner Spoiler: Maitland ist nicht tot.

Es verlangt jedoch viel Einlassungsvermögen vom Leser wirklich zu glauben, dass er, wenn er nicht alles daran setzte und sein Leben davon abhinge, er nicht Mittel und Wege fände, von der Insel zu fliehen. Bis einem dämmert – vielleicht will Maitland das auch gar nicht. Nicht äußerlich – aber innerlich. Schließlich erwartet ihn ein Job, der ihn so richtig befriedigt. Das tut seine Frau auch nicht, deswegen hat er eine Affäre. Beide Frauen wähnen ihn – voneinander ahnend – bei der jeweils anderen bzw. bei Terminen, weswegen niemand nach ihm sucht. Da das Ganze im Jahr 1973 spielt, hat auch niemand ein Handy dabei oder kann eine GPS-Ortung des Wagens vornehmen. „Betoninsel“ funktioniert deswegen auch nur in diesem historischen Kontext.

Als Maitland  schließlich nach etwa einem Drittel des nur 174 Seiten langen Romans bemerkt, dass er auf der „Insel“ nicht allein ist, bekommt der Roman eine krasse Wendung. Danach geht es nur noch nebensächlich mitschwingend ums Entkommen, sondern um Macht, Bedürfnisse und gesellschaftliche Konventionen. Ballard stellt seinem Protagonisten einen geistig behinderten ehemaligen Trapezkünstler und eine zwischen Ausreißer-Hippietum und Proto-Punk changierende Prostituierte zur Seite, die mit dem vom Entzündungsfieber fast wahnhaften Architekten ihre Spielchen treiben, um ihn aus ganz eigennützigen Gründen auf der Insel zu halten. Bis Maitland beschließt, den Spieß umzudrehen und dabei auch zu drastischen Mitteln greift.

In diesem Abschnitt dreht „Betoninsel“ erst richtig auf. Hier gibt’s Gesellschaftskritik in schönen kleinen Batzen verabreicht, fast sublim in ihrer Offensichtlichkeit. Bildung und Reichtum als Faktor, um Menschen gegeneinander auszuspielen, Hass gegen das Establishment, garniert mit sozialer Kälte und Unvermögen, jemandem etwas zu gönnen – das sind zeitlose Themen, die darin mitschwingen, die aber die Handlung an sich nur wenig vorantreiben. Ballard sagt „So ist es“ und wir müssen das so akzeptieren. Trotzdem will man als Leser den Figuren ständig zuschreien, warum sie sich so abwegig gebärden und ist fast empört, wie Ballard seinen Roman erzählt ohne sich zu fragen: „Will das der Leser auch so?“

Wikipedia meinte dazu: „In den 1970er Jahren suchte Ballard die Katastrophe in lokal begrenzten, urbanen Szenarien (…) Seine letzten Romane variierten das Thema der übersättigten Konsumgesellschaft, die in individuellen oder kollektiven Gewaltakten versucht, ihrer Starre zu entfliehen.“ Das trifft auf „Betoninsel“ auf jeden Fall zu.

Dieser Mangel an Gefälligkeitswillen ist bewundernswert, aber eben auch nur 174 Seiten lang aushaltbar. Über das Ende – ob es überhaupt eins gibt – will ich an dieser Stelle nichts weiter sagen. Ein bisschen Mysterium soll ja auch noch bleiben, falls jemand sich ob dieser Zeilen dazu inspiriert sieht, sich den Roman für 15 Euro als Taschenbuch selbst zu besorgen. Es lohnt, weil es fordert. Weil es dann doch Spaß macht, diese Schichten des Textes und seine Bedeutungshorizonte für sich selbst freizulegen.

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