Gelesen: „Hikikomori“ von Kevin Kuhn

Von jemandem, der auszog, indem er sich einschloss

Wie so oft bei Büchern, die nicht zwangläufig in meiner Filterblase auftauchen, weil ich mich mit ihren Themen sowieso irgendwie beschäftige, erfuhr ich von Kevin Kuhns Debütroman „Hikikomori“ in einer Besprechung bei Deutschlandfunk Kultur. Das Thema des Romans sprach mich sofort an. Es geht um einen jungen Mann, der sich zunächst tage-, dann wochen- und später monatelang nicht mehr aus seinem Zimmer hinaus bewegt, schließlich sogar die Tür abschließt und die Fenster zuklebt, und zwar, um sich selbst zu finden. Das klingt nach „Coming of age“-Text und ist es auch. Dennoch bietet „Hikikomori“ sehr viel mehr als das. Aber nur, wenn man Zugang zu dem Roman findet – was, zugegebenermaßen, nicht einfach ist.

Kevin Kuhn – Hikikomori
(c) Berlin Verlag, 2012

Der sperrige Titel liefert gleich die Definition für das Phänomen, auf das hier Bezug genommen wird. Wikipedia weiß: „Als Hikikomori (jap. „sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug“) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. Der Begriff bezieht sich sowohl auf das soziologische Phänomen als auch auf die Betroffenen selbst, bei denen die Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können.“ Beschrieben wurde das Phänomen laut Wikipedia erstmals 1998 – was wenig verwunderlich ist, denn einher mit der gesellschaftlichen Isolation geht oft auch das Aufgehen in einer virtuellen Existenz, eines zweiten Lebens im Internet. 1998 konnte man da mit einer ISDN-Leitung schon ein bisschen was reißen. Sowieso lohnt sich der oben verlinkte Definitionsartikel, um sich einen groben Überblick zu verschaffen, worüber hier geredet wird.

Till Tegetmeyer steht kurz davor, die Waldorfschule abzuschließen, als er erfährt, dass er nicht zum Abitur zugelassen wird. In der Unsicherheit, ob das für ihn und seine Familie überhaupt ein Problem darstellt, fasst er einen folgenschweren Entschluss. Während andere in Bälde Studieren gehen – oder wie sein bester Kumpel Jan zu einem Work-and-Travel-Selbstfindungstrip aufbrechen -, wird er, eh ein eher stiller und nachdenklicher Zeitgenosse, versuchen, sich selbst durch ein Experiment in den heimischen Vier Wänden zu einem Charakter zu formen. Er wirft sämtliche Möbel und Gegenstände aus seinem Zimmer, behält nur eine Matratze und seinen Schreibtisch mit dem Desktop-Computer zurück – seine Verbindung zur Außenwelt. Zunächst verlässt er sein Zimmer noch sporadisch, und zwar immer dann, wenn er den Kontakt zu seiner Familie vermeiden kann – nachts, oder wenn niemand in der Wohnung ist. Dann versorgt er sich mit Nahrung und kümmert sich um seine Körperhygiene. Als er merkt, dass auch das ihn zunehmend anstrengt und es auch anders geht, reduziert er die Kommunikation auf Briefe an seine Mutter, die er unter der Tür hindurch schiebt und in denen er Essens- und andere Wünsche formuliert. Die Mutter, ihren Sohn liebend, erfüllt die Aufgaben gern.

An dieser Stelle muss ich über die Familie ein paar Worte verlieren. Sie allein ist schon Grund genug, sich in seinem Zimmer zu verkriechen, so sehr mit Klischees angereichert ist sie. Der Vater Oskar ist plastischer Schönheitschirurg, der Globuli für den Gipfel medizinischer Behandlungskunst hält, Sport vergöttert und das Golfspielen mehr liebt als seine Frau. Er hält Tills Anwandlung für ein probates Mittel der Mannwerdung, versteht aber nicht, wie diese Sache sich irgendwann verselbstständigt und nicht mehr in sein Konzept von Charakterformung passt. Mutter Karola betreibt einen SchauRaum, in dem sie thematisch geordnet Einrichtungsgegenstände zusammenstellt und diese an interessierte Kunden weiterverkauft, eine Art intuitive Raumgestalterin und ein bildungsbürgerliches Windei par excellence. Schwester Anna-Marie, nur wenig jünger, kokettiert mit ihrer Teenie-Jugend und piesackt den Bruder, sonst ist sie ganz der geltungssüchtige unfertige Mensch, der sie in dem Alter noch sein darf. In dieser Gesellschaft, die zu allem eine Meinung hat und für die alles irgendwie Sinn ergibt und „Okay“ ist, muss Till einen Weg finden, herauszubekommen, wer er ist und sein will. Gerne nimmt man ihm ab, dass er allein schon durch diese Lebenssituation am Rande des Zusammenbruchs stehen müsste, was er allerdings aktiv gar nicht hinterfragt. So schildert ihn der Autor nicht.

Till verbringt Tage damit, das Licht durch sein leeres Zimmer wandern zu sehen. Die Wände hat er mit schwarzem Filzstift beschriftet, dort, wo einst Möbel standen, um sie in Umrissen zu simulieren. Er spielt den ganzen Tag den Weltkriegs-Shooter Call of Duty im Multiplayer, sucht sich dort ehemalige und neue Online-Freunde zusammen. Als er bemerkt, dass ein Nachbar von gegenüber ihn mit einer Webcam filmt und den Stream ins Netz stellt, reduziert er seine und die Wahrnehmung der Zuschauer noch weiter, indem er das Fenster mit Textilklebeband vollständig abklebt. Er verlässt den Raum nun nicht mehr, wäscht sich mit einem feuchten Waschlappen, bekommt Mutters Essen und Zigaretten vor die Tür gelegt, die Wäsche wird gewaschen, die Ausscheidungen gesammelt und weggekippt.

Die Isolation verändert Till, so wie er es ja eigentlich wollte. Er verliert sich manchmal im Dunkel des Raumes, in dem oft nur der Monitor Licht spendet. Er spürt Erinnerungen nach, die er hier gemacht hat, versucht, andere Zeitpunkte des Seins in seinem Zimmer wieder heraufzubeschwören, beispielsweise einen Abend mit seiner Freundin Kim, deren zarte Zuneigung von beiderseitiger Unsicherheit geprägt ist, Till aber wahnsinnig kostbar erscheint. Doch diese Eindrücke verblassen. Neue Reize besorgt er sich durch ein exotisches Tier, das er sich im Internet bestellt: einen grünen Leguan, der ihm fortan in seiner Selbstfindungshöhle Gesellschaft leistet. Dabei bleibt das Tier auch Tier und wird nicht zum Menschersatz. Eine externe Biomasse, eine Rückversicherung, dass es Leben gibt, das schweigsam und genügsam ist, so wie Till selbst.

Wochen und Monate vergehen. Vollends in seiner eigenen Welt verschwindet Till dann, als er das Spiel Minecraft entdeckt. In dem Spiel von 2009 erbaut man seine eigene Welt aus einem Bauklötze-System, das Spiel ist hochadaptiv, man kann dort fast alles nachbauen und simulieren. Till entwirft mit der Welt 0 ein Idealbild, ein Utopia, in dem er als Schöpfer agiert und in das seine Online-Freunde nach und nach einziehen. Dort findet er einen besten Freund, eine Freundin und bildet dort sogar die Beziehungen nach, die er zu Kim und Jan führte, als er begann, sich zurückzuziehen. Er findet in ein virtuelles Leben, das von Zufriedenheit geprägt ist, aber keine Störungen von außen zulässt. Als es Winter wird und die Heizung im Zimmer nicht mehr funktioniert, die Familie ihn aufgibt und ihm nicht mehr hilft, wird jeder Außenreiz zum Störfaktor. Als ihm dann, nach Monaten der Isolation, der Strom abgestellt wird, bricht erneut eine Welt zusammen…

Viele Rezensionen des Buches, das 2012 im Berlin Verlag erschien, sprechen von einer sperrigen Ausdrucksweise des Autors, einer distanzierten Sicht auf seinen Protagonisten, den wir durch viele Beschreibungen seiner Tagesroutinen in seiner Isolation kennen lernen. Das empfinde ich gar nicht so. Ich fand es höchst interessant, welche Gedanken Till hat, als er sich nur auf sich selbst zurückgeworfen mit sich beschäftigen muss. Erinnerungen und Imaginationen bilden fortan den Hintergrund seines Nachdenkens, das Versenken in Augenblicke, das Wahrnehmen des Augenblicks an sich, der Verlust des Zeitgefühls. Jeder, der schon einmal die Nächte durchgezockt hat, kennt dieses Gefühl, völlig leer, aber total aufgekratzt um 7 Uhr morgens die Vorhänge aufzuziehen und sich zu fragen, wo die Nacht geblieben ist. Einsamkeit kann sehr befreiend sein. Sich um nichts anderes als sich selbst kümmern zu müssen, ebenfalls. Solche Phasen können tatsächlich einen Charakter definieren, ihn formen, ihn an sich selbst wachsen lassen.

Grundsätzlich ist Tills Idee – und die Idee des „Hikikomori“ – deswegen auch gar nicht so verkehrt, wie ich finde. Menschen, die immer andere Menschen um sich haben müssen, die nicht allein sein können und deswegen nicht die Zeit finden, über sich und ihre Situation nachzudenken, sind mir persönlich im besten Fall suspekt, im schlimmsten Fall hochgradig unsympathisch. Doch genauso wichtig ist der Abgleich mit anderen, das Verorten der empfundenen Realität mit der der anderen, die man kennt und liebt. Dieser Vorgang ist zwar ein sozialer, im Endeffekt aber doch wieder einer der Abgrenzung, der Isolation. Erfahrungen sind Erfahrungen – seien sie nun virtuell oder echt. Es kann einem genauso viel geben, per VR-Brille am Strand einer Südseeinsel entlang zu gehen, als wirklich dort zu sein. Das eigene Empfinden ist so vielfältig wie der Mensch.

Was mich an Kevin Kuhns Roman so gefesselt und bewegt hat, ist, wie oft ich mich der Figur Till nahe gefühlt habe. Der Autor ist 1981 geboren, so wie ich, und hat wohl zumindest ähnliche Erfahrungen gemacht, wie ich es tat. Wer Call of Duty nicht kennt und gespielt hat, dem fehlt etwas in der Art der Rezeption, die dieser Text anbietet und vielleicht auch braucht. Minecraft spielte ich nie, bin aber mit dem Konzept des Spiels vertraut und konnte den entsprechenden Passagen im letzten Drittel des nur 221 Seiten kurzen Romans gut folgen. Und ich finde, er zeigt in seiner reduzierten Form gut auf, woran viele junge Menschen in unserer Gesellschaft gerade scheitern. Das Überangebot an Möglichkeiten, sich zu entfalten und die Erwartung, dass dies auch zu geschehen habe, sorgt für eine permanente Überforderung. Damit sind nicht nur (interaktive) Medien und Social Media gemeint, aber natürlich auch. „Du kannst alles sein!“ ist oft keine Freiheit, sondern der implizite Befehl „Du musst etwas sein! Entscheide dich!“ Wer keine Filter für die Reduzierung der Komplexität des Alltags entwickeln kann, strauchelt zwangsläufig. Ich kenne keinen in meiner Generation, dem es nicht einmal so gegangen wäre und gelegentlich noch immer so geht. „Hikikomori“ ist damit eine sehr kluge Beobachtung, exemplarisch und doch entschieden individuell, ein Zeit- und Generationenporträt einer gewissen gesellschaftlichen Gruppe – „Schicht“ passt hier nicht – und macht den Text zu einer manchmal schwer zu ertragenden Lektüre. Mit all dem hat das Buch meine Erwartungen voll erfüllt. Ich bin nachhaltig beeindruckt.

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