Gelesen: „Ein Geschenk von Bob“ von James Bowen

Ein Wintermärchen mit dem Streuner

Nach den großen internationalen Erfolgen von „Bob, der Streuner“ und „Bob und wie er die Welt sieht“ fragten sich Verlag und Kater-Besitzer James Bowen sicher, welche Geschichten sie den gespannten Lesern noch nicht erzählt hatten. Sicherlich gab es noch mehr Anekdoten aus dem Leben des ex-drogensüchtigen Straßenmusikers, Magazinverkäufers und neuerdings Katzenbuch-Autors zu erzählen – aber würde das nicht zwangsläufig irgendwann beliebig und redundant wirken?

Es verwundert daher nicht, dass man 2014 – auf einem ersten Höhepunkt der „Bob“-Euphorie – auf die Idee kam, erstmals ein thematisch enger gefasstes Buch in Angriff zu nehmen. Und was lag da wohl näher, als sich, ganz ähnlich wie viele Künstler aus dem Musikbereich es mit ihren Weihnachtsalben tun, einmal einen Blick mit dem rot getigerten Streuner auf das Fest der Geburt von Jesus Christus zu werfen? Schließlich ist der Winter auf der Straße ganz besonders hart, und die Feiertage sind oft für die Einsamen richtig schlimm. Häufig, weil Erinnerungen an bessere Zeiten die aktuelle Situation noch unerträglicher erscheinen lassen.

Das Cover der Taschenbuchausgabe von „Ein Geschenk für Bob“.
(c) Bastei Lübbe Verlag

Bei Bob – und wieder einmal vor allem James Bowen – ist die Situation umgekehrt: Sie können jetzt, da sie sich gefunden und ihr Leben auf die Reihe bekommen haben, auf schlechtere Zeiten zurückblicken. Und gerade das Weihnachtsfest bietet treffende Aufhänger dafür, endlich die intimen Geschichten zu erzählen, die in den beiden Vorgängerbüchern noch keinen Platz fanden – vielleicht auch, weil sie eben so persönlich und familiär sind.

Schon lange haben sich die Leser, die Bobs und James Geschichte verfolgen, gefragt, was es mit der schwierigen Beziehung zu seinem Vater und dessen Familie auf sich hat – oder wie James beste Freundin Belle in sein Leben trat, und was sie verbindet. In „Ein Geschenk von Bob“ bekommen wir erstmals diese Einblicke auf rund 180 Seiten zu lesen, mit ordentlich dickens’schen Pathos und Wohlfühl-Botschaft. Denn natürlich wird in dem „Wintermärchen“ immer wieder Bezug auf das „Weihnachtsmärchen“ von Dickens Bezug genommen, wenn vom „Geist der vergangenen Weihnacht“ die Rede ist und davon, zur Adventszeit ganz besonders an seine Lieben zu denken.

Auch im dritten Buch verliert das Gespann James-Bob wenig an Faszination und Dynamik. Es ist rührend, als James im schlimmsten Blizzard seit Jahren von all seinen Kunden und Freunden Aufmerksamkeiten bekommt, und  ihm so in finanziellen Nöten über die Feiertage unter die Arme greifen. Eine fast zerstörte Gitarre, Gas- und Stromschulden, kein Geld für ein Geschenk für die beste Freundin, das auch noch im Bus vergessen wird – all das sind Katastrophen, die einen Mann, der ohnehin kaum Selbstvertrauen hatte, aus der Bahn werfen könnten. Wären da nicht Bob und alle, denen der Straßenmusiker, trotz vielem auch selbstverschuldeten Leid – was James auch einsieht -, nicht egal ist.

Ganz bezeichnend sind dabei auch die Einblicke in die Jugend und Kindheit des Mannes, der zehn Jahre seines Lebens als Drogensüchtiger und zeitweise Obdachloser fristete. In unsteten Verhältnissen aufgewachsen, in Kinderpsychiatrien eingewiesen und fragwürdig medikamentös behandelt, hat James die typischen Dispositionen einer Drogenkarriere mit auf den Weg bekommen. Glücklicherweise stellt das Buch das nicht als Entschuldigung dar, sondern bietet lediglich Interpretationshilfen für den Lebensweg Bowens.

Und so geht es in „Ein Geschenk von Bob“ noch einmal mehr um dessen menschlichen Gefährten als in den beiden Vorgängerbüchern. Was aber nicht schlimm ist, denn das Fazit – man ist geneigt zu sagen: „die Moral“ – der Geschichte ist in allen „Bob“-Büchern gleich: Ohne diesen Kater wäre für alle die Welt ein bisschen weniger schön – und eben ganz besonders für James Bowen.

(Dieser Text enthält Affiliate Links zum Anbieter Amazon und wurde anhand eines vom Verlag bereitgestellten Rezensionsexemplars der Taschenbuchfassung ermöglicht.)

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Eine Antwort zu Gelesen: „Ein Geschenk von Bob“ von James Bowen

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