Too little, too late: Warum der „Uncharted“-Roman „Das vierte Labyrinth“ nur bedingt funktioniert

Ich bin ein großer Freund von Videospielen, sammle – wenn auch nicht fanatisch – gerne alte Konsolen und Games und ich bin seit jeher auch ein eifriger Leser von Begleitromanen zu den Spielen, die manchmal einfach nur die Hauptstory nacherzählen oder etwas ausschmücken, manchmal aber auch gänzlich neue Abenteuer mit den Figuren bieten.

Entsprechend gespannt war ich auf „Das vierte Labyrinth“ von Christopher Golden, den offiziellen Roman zum Uncharted-Franchise. Von den fünf Spielen der Serie, die auf der Playstation 3 und 4 erschienen sind, habe ich die ersten drei Titel gespielt und war von der tollen Mischung aus exotischen Schauplätzen, geballter Action und ansprechender Story sehr angetan. Der Hauptcharakter Nathan Drake ist so etwas wie eine Mischung aus Indiana Jones und Lara Croft aus Tomb Raider. Wenig verwunderlich ähnelt sich auch das Gameplay vom Tomb Raider und Uncharted – was Drake wiederum für mich einnimmt, schließlich habe ich so gut wie alle Tomb Raider-Teile seit Start der Reihe in den 1990-er Jahren gespielt.

Odyssee im Online-Antiquariat

Ich freute mich also, nach den ersten drei Uncharted-Spielen ein weiteres Abenteuer mit Nathan Drake und seinem väterlichen Freund Victor Sullivan – diesmal in literarischer Form – zu erleben. Und das Abenteuer ging schon damit los, das Buch überhaupt in die Finger zu bekommen. Die deutsche Übersetzung aus dem Panini Verlag erschien 2012 als hochwertiges Paperback mit Klappbroschur – ist aber inzwischen vergriffen. Bei den gängigen Antiquariatsportalen kostet es derzeit (Stand: Anfang 2021) gerne mal das Doppelte oder Dreifache des ursprünglichen Preises von rund 15 Euro. Bis ich ein Angebot fand, das nur leicht über die Neupreis lag, musste ich schon ein bisschen suchen. „Na gut“, dachte ich. „Vielleicht ist der Roman das ja wert.“

Was erwarte ich von einem Games-Roman? Ich erwarte, dass er ein gutes Gespür für die Figuren und ihre Charakterisierungen hat und dass er die Essenz des Spiels, seine Stimmung und Besonderheiten einfängt. Bei Uncharted bedeutet das für mich: Over-the-Top-Action, eine Schatzsucher-Mystery-Alte-Kulturen-Story als Background und atemberaubende Szenarios. Wenn ich daran denke, in welchen Szenen Drake in den Videospielen rumturnt, glänzen meine Gamer-Augen. So etwas wollte ich auch im Buch lesen, hoffte vielleicht auf Actionszenen, wie der australische Autor Matthew Reilly sie für seine Jack West-Reihe oder die Romane um Captain Shane „Scarecrow“ Schofield verfasst hat.

Spiele und Romane können sich im besten Fall gut ergänzen: Im Fall von „Das vierte Labyrinth“ klappt das leider nicht so gut. (Foto: Vennemann)

Golden lässt seinen Roman recht vielversprechend mit einer typischen Action-Fluchtszene beginnen, um die Figuren für diejenigen einzuführen, die sie vielleicht noch nicht kennen. Danach entblättert sich nach und nach die eigentliche Story: Victor Sullivans alter Freund und Altertumsforscher Lukas Hzujak wurde in New York ermordet. Er war offenbar einer Sensation auf der Spur: In einem Konglomerat aus Legenden um den Minotaurus, Daedalus und ursprünglicher Alchemie bastelt sich Golden hier ein Szenario aus vier unterirdisch gelegenen Labyrinthen zusammen, in denen viele Gefahren lauern und in denen unermessliche Schätze lagern sollen.

Bei der Reise rund um den Globus (Ägypten, Griechenland, China udn ein Hauch von, nun ja, Atlantis) werden sie von Jada, der Tochter des Forschers, begleitet, die ihre Stiefmutter Olivia hinter dem Mord vermutet. Und natürlich hat diese durchtriebene Alte sich Unterstützung von einem reichen Geschäftsmann und seinem Söldnertrupp geholt, um Drake und Sully das Leben schwer zu machen. In den Labyrinthen kommt es deswegen immer wieder zu Kämpfen – zumal dort auch stets seltsame Gestalten auftauchen, die die Bauten zu beschützen scheinen.

Too little, too late

Klingt doch alles ganz gut, oder? Ist es ja eigentlich auch. Das ganz große Problem, das „Das vierte Labyrinth“ hat, ist, dass das Buch viel zu lang ist. 430 Seiten sind ohnehin schon recht viel für einen Games-Roman. Noch dazu sind die großformatigen Seiten recht eng bedruckt – das bedeutet jede Menge Text. Das wäre nicht schlimm, wüsste Golden die Seiten mit den – immer aus meiner Sicht betrachtet – richtigem Inhalt füllen. Tragischerweise tut er das erst ab Seite 175, und das ist einfach viel zu spät!

Goldens Ansatz muss gewesen sein, den Abenteuer-Thriller ganz gemächlich aufzubauen und seine Figuren langsam den Weg bis zum ersten Labyrinth ermitteln zu lassen. Im Spiel kann so etwas durch eine Zwischensequenz passieren, oder vielleicht ein kürzeres Zwischenlevel mit Stealth-Elementen. Aber rund 40 Prozent des Romans verstreichen zu lassen, bevor die Helden überhaupt an den ersten exotischen Handlungsort kommen und dort das tun, was sie im Spiel auch machen – Kämpfen und Rätsel lösen -, ist einfach eine, Entschuldigung, saudumme Idee!

Immer wieder war ich drauf und dran, die Lektüre abzubrechen. Was ich auf den ersten rund 200 Seiten las, war einfach nicht das, was ich aus den Spielen kannte und mir beim Lesen wünschte. Danach ging es allerdings rund: Die Labyrinth-Szenarien wurden gut eingeführt und Stück für Stück erweitert, es gab spannende Wendungen und schöne Kämpfe. Dadurch, dass die Handlung allerdings größtenteils in Kavernen und Höhlen spielt, beraubt sich Golden selbst vieler Möglichkeiten, die Kämpfe zu gestalten. Bis auf Duck-and-Cover-Schießduelle in schlauchartigen Gängen bleibt da wenig übrig. Fatal, wenn Uncharted sich doch sonst durch größere Kampfareale unter freiem Himmel auszeichnet.

Ein ernüchterndes Fazit

Der offizielle Uncharted-Roman scheitert in meinen Augen also nicht völlig – er vertut nur jede Menge Chancen. So gut er den Ton der Figuren trifft, so wenig macht er aus den vorhandenen Grundlagen. Die Einführung gerät viel zu ausufernd, das Abenteuer-Szenario presst sich durch die Limitierung auf unterirdische Labyrinthe in ein sehr starres Korsett, das nur einen Bruchteil dessen bieten kann, was die Games ausmacht. Zudem ist das Buch einfach wirklich viel zu lang – rund ein Drittel weniger Text hätten es schon sein müssen, damit ein durchgängig spannender Text mit ausreichend Tempo erhalten geblieben wäre. „Das vierte Labyrinth“ bietet also gute Ansätze und in Teilen auch eine ausreichend gute Umsetzung, ist für mich als Uncharted-Fan allerdings doch eine mittlere bis größere Enttäuschung.

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