Mars-Western, Mars-Märchen und Mars-Männchen: „Strasse der Verlassenheit“ von Ian McDonald

„Strasse der Verlassenheit“: Was für ein Roman! Seit dem Jahreswechsel hat mich zwischendurch immer mal wieder das Debüt des Science-Fiction-Autors Ian McDonald aus dem Jahr 1988 beschäftigt. Seine Luna-Trilogie gehört für mich zu dem besten, das ich in dem Genre bisher las, deswegen wollte ich mich weiter mit ihm beschäftigen – und am Anfang beginnen. „Desolation Road“ erschien in der deutschen Übersetzung erstmals 1991 im Bastei Lübbe Verlag als Taschenbuch mit rund 450 Seiten. Und schon beim Lesen dachte ich: „Das Ding nimmt ja überhaupt kein Ende!“ – Nicht bezogen darauf, dass der Inhalt sich ziehen würde, sondern einfach aufgrund der Textmasse. Die Erstausgabe ist nämlich mit kleiner Schrift und direkt anschließenden Kapiteln sehr eng formatiert. Spätere Auflagen hatten dann auch schon schnell mal an die 600 Seiten, und so fühlt sich der Roman auch eher an.

Cover der Erstausgabe von 1991, erschienen im Bastei Lübbe Verlag.
(Foto: Sascha Vennemann)

Worum geht es? Der Mars wird langsam von den Menschen besiedelt, man kann sich dort inzwischen ohne Hilfsmittel bewegen. In der roten Staubwüste irrt der Wissenschaftler und Erfinder Dr. Allimantando einem grünen Wesen hinterher und kommt an einen Ort, an dem ihn die Vision einer Siedlung ereilt. Er lässt sich dort nieder – und bald kommen tatsächlich die ersten Siedler. Die Gemeinschaft wächst durch Personen, die einen Neuanfang suchen und hier finden. Später bekommt die nahe Eisenbahnlinie hier einen Haltepunkt. Das Dorf und seine Bewohner entwickeln sich, Familienfehden entstehen, es kommt zu Kriegen und Intrigen, religiösen Konflikten, Affären und unerfüllten Lieben. Aber irgendwann ist auch die Stadt „Desolation Road“ am Ende ihres Weges angelangt.

Das Debüt von Ian McDonald ist eine Mixtur aus Western- und Siedlertreck-Hommage, gemischt mit Elementen der Science-Fiction und des magischen Realismus. Das ist vor allem im mittleren Teil des langen Romans ziemlich anstrengend, weil sich der Autor in unzähligen Figuren- und Nebenhandlungen verliert, die alle mehr oder weniger wieder zusammenlaufen, das Fortkommen aber ziemlich erschweren. Wenn das Industriezeitalter in der Stadt Einzug hält und es zum Klassenkampf zwischen Arbeitern und Obrigkeit kommt, versteht man die Bezüge recht deutlich. Trotz der anstrengenden Lektüre konnte ich gerade in der zweiten Hälfte der Handlung wieder besser folgen und erkenne hier ganz viele Ansätze von Dingen, die McDonald bei der Luna-Trilogie zur Perfektion getrieben hat – nämlich das Nachzeichnen familiärer Verwicklungen in einem futuristischen Setting.

„Strasse der Verlassenheit“ ist ein fordernder Roman, keine Frage. Aber er lohnt sich, nicht nur wegen der wirklich seltsamen Genre-Mischung und den vielen kruden Ideen zu seinen Figuren. Schade, dass die Fortsetzung „Ares Express“ bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurde. (Dieser Text enthält Affiliate-Links zum Anbieter Amazon.de)

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