Gelesen: „Der letzte Tag“ von Glenn Kleier – Was tun, wenn Gottes Tochter erscheint?

Das „Millennium“ steht kurz bevor: Zum Jahreswechsel von 1999 auf 2000 steht die Welt ein wenig Kopf – Für viele Menschen markiert der Übergang ins neue Jahrtausend etwas Besonderes. Insbesondere in Jerusalem, der Stadt, in der Juden, Moslems und Christen zusammentreffen, wird ein besonderes Fest erwartet. Aus diesem Grund sind auch Jonathan Feldman und sein Videoreporterteam des Senders WNN in der israelischen Hauptstadt, um von der Silversternacht dort zu berichten. Doch pünktlich um Mitternacht erschüttert ein Erdbeben die Stadt und sorgt für Endzeitpanik. Gleichzeitig zerstört ein Himmelsgeschoss eine militärische Forschungsbasis in der südisraelischen Wüste.

Die Hardcover-Erstausgabe von „Der letzte Tag“, erschienen 1998 im Lichtenberg Verlag.
Foto: Vennemann

In das Chaos mischt sich das Erscheinen einer ätherisch wirkenden jungen Frau, die immer wieder ungesehen auftaucht und verschwindet. Sie behauptet, im Namen Gottes zu sprechen, und offenbart sich wenig später als Jesa, die Tochter Gottes. Sie sei erschienen, um der Menschheit die Apokalypse vorauszusagen, denn die etablierten Religionen hätten Gottes Wort aus Eigennutz Jahrhunderte lang falsch interpretiert. Bald sammeln sich Befürworter und Gegner Jesas in Israel und weltweit, um auszutragen, wer Recht hat. Auch die Religionen wollen gegen den die in ihren Augen „falsche Prophetin“, die allerdings offenbar sämtliche Sprachen der Erde spricht und Kranke heilen kann, vorzugehen.

Als WNN recherchiert, dass Jesa womöglich ein Produkt verbotener genetischer Experimente ist, geraten Feldman und sein Team durch ihre Berichte an die Weltspitze der Berichterstattung. Als Jesa dann noch Feldman auswählt, sie zu Terminen und Predigten in aller Welt zu begleiten, muss auch er sich fragen, an was – oder wen – er glaubt.

Glenn Kleiers Thriller aus dem Jahr 1997 nutzt geschickt die Spannung, die damals herrschte. Was wird das Jahr 2000 bringen? Niemand wusste es damals. In diese Ungewissheit hinein hat Kleier mit seinem damaligen Debüt einen äußerst interessanten und sehr geschickt mit christlich-religiösen Motiven spielenden Roman kreiert, der 560 dicht bedruckte Seiten füllt. Wie würden Medien, Gläubige und die Religionsoberhäupter reagieren, wenn tatsächlich eines Tages eine neue Jesus-Figur auf den Plan tritt? Kleier spielt das alles sehr realistisch durch und wählt mit der Journalistenperspektive eine Sicht, die stets auf Objektivität bedacht sein soll, die aber gerade bei so einem Thema immer auch persönliche Überzeugungen mit berücksichtigen muss.

Das Buch braucht, bis es an diesen interessanten Fragestellungen anlangt, allerdings gut 150 bis 200 Seiten, die durchaus Längen besitzen, auch wenn Kleier durch kurze Kapitel und viele Perspektivwechsel das Tempo hoch zu halten versucht. Nach diesem etwas anstrengenden ersten Drittel wird „Der letzte Tag“ allerdings immer spannender und faszinierender – nicht so sehr wegen der Figuren selbst, sondern wegen der vielseitigen Betrachtungsweise des Themas, vielen Ungewissheiten und Geheimnissen sowie internen Konflikten. Da ist es zu verschmerzen, dass das Ende etwas unfertig und unbefriedigend wirkt. Bis dahin war sowieso der Weg das Ziel – und der lohnt sich.

Der Roman erschien 1998 als Hardcover beim Lichtenberg Verlag und war später als Knaur-Taschenbuch erhältlich. Aktuell ist er nur antiquarisch bei einigen Anbietern verfügbar.

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