Gelesen: „John Sinclair – Engel?“ von Jason Dark

Templer, Vampir-Engel und eine verpasste Chance

Wer meine Lese-Vita ein bisschen nachverfolgt und in den letzten Wochen meine Social Media-Kanäle im Blick gehabt hat, der weiß, dass ich mich derzeit nebenbei auch immer wieder mal mit dem berühmtesten Geisterjäger Deutschlands befasse – John Sinclair. Höhepunkt der Aktivitäten nach dem Lesen einiger Classics-Hefte war kürzlich der Besuch der 2. John Sinclair-Convention in Köln, bei der ich Autor Helmut Rellergerd alias Jason Dark persönlich treffen und interviewen konnte. Das Ergebnis verlinke ich weiter unten.

Dort, in der Stadthalle Köln-Mülheim, wurde auch das Erscheinen des ersten Sinclair-Taschenbuchs aus der Feder von Jason Dark seit 15 Jahren gefeiert. Damals hatte man die monatliche Sinclair-Taschenbuchserie mit der Nummer 312 eingestellt, vor einem Jahr erschienen dann drei neue Sinclair-Taschenbücher aus der Feder anderer Autoren. Meine Rezension zu Brandmal von Florian Hilleberg und Mark Benecke ist beim Geisterspiegel erschienen, vom Oculus-Doppelband von Wolfgang Hohlbein habe ich bislang nur den ersten Roman gelesen. Engel? ist also der vierte neue Sinclair-Roman in Taschenbuchlänge und vom Serienschöpfer wieder selbst verfasst. Natürlich wollte ich das Ding möglichst flott lesen und hatte mir vorab auf der Convention die limitierte Box mit Buch, Hörspiel und Schlüsselanhänger geholt. So konnte ich bereits 14 Tage vor offiziellem Erscheinen mit der Lektüre beginnen.

Roman und Hörspiel von „Engel?“ sind beide in der limitierten Box enthalten, die auf der 2. John Sinclair Convention verkauft wurde.
(Foto: Sascha Vennemann)

Die Ausgangslage ist schnell erzählt: Der Templer Godwin de Salier wird während der Kreuzzüge bei einer Flucht aus einer von den Gegnern überrannten Stadt von einem merkwürdigen geflügelten Wesen gerettet, das als Gegenleistung seine Hilfe in ferner Zukunft einfordert. Godwin wird – wie Sinclair-Leser wissen – in der Heftserie aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt und leitet nun ein Templer-Kloster in Frankreich. Er befindet sich gerade auf einer Exkursion in Polen, als seine Frau Sophie einen Anruf von der Vampirin Justine Cavallo bekommt. Sie warnt die Frau des Templer-Führers, dass eine dunkle Macht hinter ihr her ist. Auch John Sinclair wird unterdessen von Father Ignatius in Rom über die Gefahr unterrichtet. Urwesen, silberäugige Vampir-Engel, haben es auf de Salier und seine Frau abgesehen. Sie retteten den Templer damals und wollen nun ihre Belohnung einfordern. Die hat etwas mit Sophie de Blanc zu tun – und mit ihrer Vergangenheit.

In der Zusammenfassung liest sich das alles gar nicht übel, und die Grundgeschichte gäbe auch einiges her. Aber wer Jason Dark, seine Arbeitsweise und seinen Schreibstil kennt, der weiß, dass es da in letzter Zeit wenig Erfreuliches zu lesen gab. Redundante Dialoge, zerfaserte Handlung, sich totlaufende Nebenstränge – das alles sind und waren keine Seltenheiten in den zuletzt veröffentlichten Texten. Sprachlich kann ein gutes Lektorat da einigermaßen gegenarbeiten, aber auch dabei sind einem Grenzen gesetzt. Umso gespannter war ich, wie sich Dark mit einem längeren Text nach der Pause von anderthalb Dekaden schlägt.

Die Antwort mag überraschen: Mal richtig gut – und mal abgrundtief übel. In der Tat gehört die dem Roman vorangestellte Vergangenheitshandlung zur Zeit der Kreuzzüge mit zum Besten, das ich je aus Darks Feder gelesen habe: Tolle Stimmung, straffe und spannende Handlung, keine sonderlich großen sprachlichen Ausfälle. Ich las und staunte, und ich freute mich. Sollte Engel? das Niveau halten, wäre ich höchst zufrieden gewesen.

Doch dann wechselt die Handlung in die Gegenwart – und stürzt vollständig ab. Bis auf das einigermaßen gelungene Finale im Vatikan in Rom eiert der Roman rund zwei Drittel seiner Länge planlos von Godwin zu Sinclair, bindet Justine Cavallo mehr schlecht als recht ein (und verklappt das Ende ihre Handlungsstrangs, als wäre er vergessen worden), bietet gewohnt sinnlose Konversationen mit nichtigem Informationsgehalt (siehe Beispielbild) und kommt in keinem Kapitel so richtig von der Stelle. Selbst die Action-Sequenzen wie der Vampir  vs. Vampir-Engel-Fight und eine Helikopter-Szene wirken unmotiviert und belanglos. Kein Wunder, möchte man meinen, hat Rellergerd doch zugegeben, dass er bei dem Roman nicht nach Exposé, sondern einfach so drauf los geschrieben hat. Dass das nicht sonderlich gut klappt, merkt man dem Roman in seinem über 200 von 330 Seiten umfassenden Mittelteil leider sehr an.

Ausschnitt aus „Engel?“ – Solche Null-Konversationen durchziehen den Roman.
(c) Bastei Lübbe

Das ist doppelt schade, denn an grundlegenden Ideen für einen spannenden Roman mangelt es ja nicht, wie die Zusammenfassung zeigt. Leider ist die Umsetzung dann aber mangelhaft: unkonzentrierte Szenenfolgen und Gespräche, kein Gespür für Timing, Cliffhanger, die keine sind… Die Liste lässt sich beliebig weiterführen. Engel? ist eine verpasste Chance – sowohl für Altleser als auch solche, die es gerne aufgrund der Lektüre geworden wären. Beide dürften sich über die gelungenen ersten 50 Seiten freuen. Neuleser dürften den Roman dann aber bei der Gegenwartshandlung aufgrund des abrupt hölzernen Stils und mangelnder Spannung enttäuscht zur Seite legen. Altlesern machen diese sprachlichen Manierismen vielleicht nichts, aber man muss schon sehr hart im Nehmen sein, um da ein Fortschreiten der Story wahrzunehmen. So tut man sich für das Franchise jedenfalls keinen Gefallen, wenn man nicht nur auf die Zugkraft der Namen John Sinclair und Jason Dark setzt. Auch Unterhaltungsliteratur sollte ein gewisses Niveau einhalten. Das sehe ich hier leider nicht erfüllt.

Helmut Rellergerd ist ein sehr sympathischer Mann, dessen schriftstellerische Lebensleistung mir aufgrund seiner schieren Masse wirklich den Atem raubt. Andererseits hoffe ich, nie so wie er zu schreiben, zumindest nicht so, wie er es in den vergangenen Jahren getan hat. Dieser Stil ist zeitweise für mich wirklich schwer zu ertragen. Dialoge vom Format: „Was ist los?“ – „Weiß ich nicht.“ – „Keine Ahnung?“ – „Nein.“ – „Und weiter?“ – „Abwarten.“ – „Worauf?“ – „Es wird etwas passieren.“ – „Ja.“ transportieren keine Information und treten jede noch so gute Ausgangsidee mit Füßen. Engel? wäre daher vielleicht ein ganz toller, weil kürzerer Doppelband für die Heftserie geworden, als Taschenbuch funktioniert der Roman aufgrund seiner aufgeblasenen Länge mit einer immer wiederkehrenden Folge von Füllszenen, mangelnder Spannung und – bis auf die erwähnten Ausnahmen – blasser Atmosphäre leider überhaupt nicht. „Das muss man so sehen“, würde John Sinclair sagen. „Verdammt…“

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